Was ist in den letzten zwei Monaten seit China passiert?
Zeit zum Notieren der Eindrücke bleibt kaum, wir beschränken uns auf beobachten und entdecken. Viele Erlebnisse im Kopf wollen dennoch festgehalten werden. Von der tropischen Stadt Jinghong (Süd-China) sind wir Anfang Juli über die gemütliche Kleinstadt Luang Namtha in Nord-Laos ins Goldene Dreieck nach Chiang Rai (Nord-Thailand) gereist, bevor es weiter über die beliebte Uni-Stadt Chiang Mai an die burmesische Grenze ins verschlafene Örtchen Mae Sot ging. Hier spüren wir zum ersten Mal den „burmesischen Wind“, sehen offensichtliche Unterschiede zwischen Thais und Burmesen…

Von Mae Sot über die Grenze nach Myawaddy
Ende Juli ist es soweit. Ein neues Land ruft uns und ist nur wenige Meter entfernt. Myanmar, das viele noch als Burma kennen und auch wie die viele Einheimischen so nennen, ist zum Greifen nah. Wir sind im westlichsten Zipfel von Thailand, in Mae Sot, genießen kiloweise noch ein letztes Mal, so denken wir, die heiß begehrten saftig-süßen Papayas und Mangosteen. Mit Rucksäcken voller Proviant stiefeln wir in der Mittagshitze zum Markt von Mae Sot. Hier fahren die Songtheaws, die thailändischen Sammeltaxis, zur burmesischen Grenze ab, natürlich erst, wenn sie voll sind. Nach etwa einer halben Stunde ist die mit schmalen Sitzbänken ausgestattete Ladefläche voll. Dicht an dicht gedrängt sitzen wir zwischen zehn Burmesen bzw. Thais – der Unterschied ist oft nur durch den burmesischen Thanaka-Anstrich im Gesicht für uns erkennbar – den Markteinkäufen und unserem Gepäck. A propos, die gelblich-weiße Paste wird ausschließlich von Frauen und Kindern offenbar bereits seit ca. 2000 Jahren verwendet. Hergestellt wird sie aus einer fein geriebenen Baumrinde des Thanaka-Baumes oder auch indischer Holzapfel und dient als Sonnenschutz und Mittel gegen Hautunreinheiten – pure Naturkosmetik!

Kurz vor der Grenze müssen alle aussteigen. Der Grenzübertritt verläuft per Pedes. Nachdem wir den Ausreisestempel aus Thailand im Pass haben, liegt sie vor uns, die sogenannte „Friendship-Bridge“. Myanmar und Thailand trennt an dieser Stelle ein kleiner Fluss. Mitten auf der Brücke schauen wir links auf das geschäftige Mae Sot mit patrouillierenden Polizisten und rechts auf das ebenfalls wuselige, wenn auch etwas schmuddelige Myawaddy. Während wir uns in Bangkok ein Visum vorab besorgt haben, dürfen Einheimische mit dem Boot zwischen beiden Staaten hin und her reisen. Wir kommen ins Träumen, wie würde die Welt ohne jegliche Visa-Regelungen aussehen? Zum Träumen und Philosophieren bleibt keine Zeit. Wir befinden uns gerade in einem staatenlosen Gebiet und wollen heute noch weiter gen Westen in die koloniale Hafenstadt Mawlamyine reisen.

Die Einreise nach Myanmar verläuft problemlos. Wir werden von einem freundlichen Burmesen zu einem kleinen Steinhaus gewunken. Wieder heißt es, ein Einreiseformular ausfüllen, obwohl das Visum diesmal bereits in unserem Pass klebt. Alles wird nochmal geprüft, ein Foto gemacht, bevor der ersehnte Stempel im Pass landet. Jetzt aber, 28 Tage Myanmar liegen vor uns.

Fotostrecke Zwischen Thailand und Myanmar

Von Myawaddy nach Mawlamyine
Es war klar. Warum sollten sich burmesische Taxifahrer anders verhalten als im restlichen Südostasien? Wir sind gerade ein paar hundert Meter hinter der Grenze und werden prompt von einem Fahrer angesprochen, wo wir hinwollen. Erst Geld holen, den Magen füllen und die Blase leeren, denken wir. Doch er lässt nicht locker. Bei dem „shared Van“ handelt es sich um einen blitzblanken, grauen Wagen, in dem schon drei weitere Fahrgäste sitzen. Besser kann es für uns nicht laufen, da auch diese Transportmittel erst losfahren, wenn sie voll sind, außer man bezahlt mehr. Da ich zuvor jedoch gelesen hatte, dass weiße Vans nach Mawlamyine erst an der übernächsten Kreuzung abfahren, klingeln bei mir irgendwelche vergrabenen Alarmglocken. Warum bin ich wegen der Farbe so misstrauisch? Maßlos, ich bin gerade einmal zehn Minuten in dem Land. Misstrauen schürt Angst, Angst verklemmt. Schnell die Zweifel weggewischt, gehe ich auf ein dunkles Hockklo in einen kleinen Laden, während Sven Getränke und Essen besorgt.

In dem Grenzort Myawaddy begegnen uns nur wenige andere Touristen. Die meisten fliegen von A nach B. Wie so oft in untouristischen Gebieten ist sie plötzlich wieder da, die Neugierde für den anderen. Viele Burmesen schauen uns mit großen Augen an, viele lächeln. Und wir? Wir sind genauso und staunen über die Ähnlichkeiten zwischen Myanmar und Südindien. Fast alle Männer tragen die für Kerala typischen Longyi, ein meist kariertes bodenlanges Wickeltuch, und kauen euphorisierende Betelnüsse, die in einigen Ländern als Drogen angesehen werden. Daher kommen also die vielen blutroten Flecken auf dem Fußboden. Kein Wunder, Myanmar gehörte im 19. Jahrhundert zur Kolonie Britisch-Indien. Erst 1948 bekam das Land wieder seine Unabhängigkeit.

Zu unseren Mitfahrern gehören ein junges Pärchen Anfang 20 aus Mawlamyine und ein angetrunkener älterer Burmese, der mit einem großen Sack voller Rambutan-Früchte im Kofferraum Platz nimmt. Scheinbar vor lauter Aufregung sabbelt der ältere Mitfahrer immer wieder auf uns ein und wiederholt die wenigen Worte, die er verstanden hat, Mae Sot, Mae Sot, Myawaddy, hello, hello. Dabei amüsiert er sich prächtig. Plötzlich hält er von hinten sein Handy vor unser Gesicht und ermuntert uns mit einem schelmischen Lachen zu „photo, photo!“. Zu seiner überschwänglichen Begeisterung machen wir ein Selfie, auf dem er auch zu sehen ist. Nachdem wir uns gefragt haben, was er wohl zu sich genommen haben muss, sagt uns der Fahrer, er habe etwas zu viel getrunken. Dann ist ja alles gut! Die aufgekratzte Phase geht schnell in eine ruhigere über. Die Augen geschlossen und angelehnt an seinen Sack Rambutan, kaut der Burmese im Kofferraum langsam auf einer Betelnuss, bevor er ins Reich der Träume versinkt.

Von dem jungen Burmesen erfahren wir einiges über sein Land – über Festivals, es gibt immer irgendwo etwas zu feiern und über den burmesischen Stolz auf alles, was aus Burma kommt. So soll ein Teil des Reis, der aus Thailand exportiert wird, ursprünglich in Myanmar angebaut worden sein. Das auch bei Touristen in Thailand beliebte Wasserfest (Songkran) habe seinen Ursprung in Myanmar. Es scheint, als ob eine gewisse Frustration in den Worten mitschwingt. Wer kann sie ihm verübeln? Die Menschen seien sehr arm, nur langsam geht es bergauf. Doch sie halten zusammen, wie wir später noch mitbekommen werden. Lachend fügt er hinzu, Myanmar werde bald erfolgreich sein, auch wenn es noch dauern wird. Im ganzen Land gebe es nur Bio-Lebensmittel, da in der Landwirtschaft keine Pestizide eingesetzt werden. Wir dürfen also gespannt sein!

Doch wer in den Supermarkt geht, wird schnell feststellen: der Markt wird mit ausländischen Produkten aus den Nachbarländern geradezu überschwemmt. Das Land liegt strategisch günstig zwischen Indien, China und Thailand. Alle drei Länder, besonders China, investieren in Myanmar. Chinesische Busse auf chinesisch gut ausgebauten Straßen, thailändischer grüner Tee, indischer Kaffee, aber auch indonesische Milch und vieles mehr.

Die Fahrt führt uns anfangs über einen gut ausgebauten, asphaltierten Highway. Vor noch zwei Wochen war die Straße nicht passierbar, erzählt uns der Burmese. Rebellen der Karen-Minderheit hatten sich eine gewalttätige Auseinandersetzung mit dem Militär geliefert, seien jetzt aber in den Wäldern verschwunden. Burmesische Händler und andere mussten während dieser Zeit unfreiwillig in Mae Sot bleiben. Seitdem kontrolliert die Armee in Form von zahlreichen Stützpunkten die wichtige Verbindung gen Westen. Ich muss schlucken, als wir an einem Stützpunkt anhalten, völlig ohne Grund. Der Burmese reicht dem Soldaten ein kühles Wasser und einen Energydrink durch das Fenster und sagt uns, das Militär sei gut und wichtig für die Stabilität des Landes. Während der weiteren Fahrt gibt es drei Passkontrollen, die der Fahrer für uns übernimmt. Als Ausländer dürfen wir nicht überall hinfahren. Wir befinden uns im Karen-Staat. Für gewisse Straßenabschnitte muss eine Maut entrichtet werden.

Kurz vor Mawlamyine müssen wir aussteigen. Wie in den Bergen Chinas wird der Wagen an einer kleinen „Waschanlage“, bestehend aus einem Schlauch mit Seifenwasser, direkt an der Straße eingeseift und von dem roten Staub befreit. Das Auto muss offenbar blitzen, wenn der Zielort erreicht wird. Bei der nächsten Polizeikontrolle scheint etwas nicht zu stimmen. Der Wagen hat keine Lizenz, um in Mawlamyine zu fahren. Folglich müssen alle kurzerhand das Fahrzeug wechseln, bevor jeder Gast zu seinem Ziel gebracht wird.