Saftig grüne Reisfelder soweit das Auge reicht. Wir fahren in die hügelige Landschaft von Yuanyang, 80 km südwestlich von Jianshui. Über Jahrhunderte hinweg hat hier die Hani-Minderheit terrassenförmige Reisfelder angelegt. Es handelt sich nicht nur um ein Tal, sondern um ein Gebiet von ca. 12.500 ha mit markanter Topografie. Im oberen Bereich der Berghänge haben sich die Dörfer angesiedelt, während sich die Reisterrassen bis tief in die Täler erstrecken. Eine direkte Busverbindung von Jianshui aus gibt es nicht, so dass wir mehrmals den Bus bzw. Minivan wechseln müssen. Unsere Unterkunft, das „Timeless Hostel Yuanyang“, liegt in dem Dorf Pugaolao und bietet einen wunderbaren weiten Blick hinab auf die Reisfelder. Von der Dachterrasse aus können wir beobachten, wie Nebelschwaden und Wolken im Schneckentempo aus dem Tal hinaufziehen. Nachts taucht der große Mond hinter dem Bergkamm auf. Auch ein paar Sterne sind zu sehen. Einen besseren Ort zur Entspannung scheint es nicht zu geben.

Die charmante, aus Shanghai stammende Inhaberin unseres Guesthouses lebt hier seit zwei Jahren. Sie habe sich sofort in das Dorf verliebt, erzählt sie uns, und ist geblieben. Ob es Probleme zwischen Han- und Hani-Chinesen gebe, wollen wir wissen. Dies wird mit einem Lächeln verneint. Alle Bewohner seien stets freundlich und sehr hilfsbereit. Beides können wir nach unserem kurzen Aufenthalt nur bestätigen. Immer wieder kommen Dorfbewohner vorbei, halten einen längeren Schnack, Kinder tollen durch die „Eingangshalle“. Vielleicht wissen sie, dass es hier teure Schoki zu kaufen gibt.
Yuanyang zählt neben dem Yading Nature Reserve zu den chinesischen Topzielen im Südwesten des Landes, für die wir bereit sind, Geld hinzublättern. Doch wir haben Glück. Die geforderten 100 RMB pro Person müssen nur bezahlt werden, um besondere Aussichtsplattformen zu betreten, worauf wir gerne verzichten. Die meisten Besucher kommen im Frühjahr in die Region, wenn die Terrassen mit Wasser gefüllt sind und sich beim Sonnenauf- und -untergang ein tolles Lichtspiel mit vielen Spiegelungen zeigen soll. Jetzt im Juni sind die Reisfelder dagegen satt grün. Es passiert nicht viel. Nur ab und zu schlendert ein Bauer entlang der Terrassengrenzen und kontrolliert die Wasserzufuhr. Hier und da grasen Wasserbüffel am Wegesrand. Die meisten ihrer Art werden in dieser Zeit auf die höher gelegenen Weiden gebracht. Pugaolao hat, wie auch die anderen Dörfer in der Umgebung, ein paar kleine Läden mit unregelmäßigen Öffnungszeiten, in denen wir Getränke zu hohen Preisen sowie süße, weiche Brotfladen kaufen können. Milch und frische Früchte sind zu unserem Bedauern nicht im Angebot.

Fotostrecke Hani-Dorf

Wir beschließen, eine längere Wanderung durch die Reisterrassen zu machen und erhalten von unserer Gastgeberin eine selbst gezeichnete Karte. Der Weg soll uns etwa sechs Stunden lang von dem kleinen Dorf Quanfuzhang 全福庄 durch Reisterrassen und mehrere kleine Dörfer führen und schließlich in der kleinen Stadt Shengcun 胜村 enden, wo wir auf dem Markt Obst und Milch einkaufen können. Ein Minivan fährt uns zum Startpunkt der Wanderung und bald befinden wir uns auf einem Pfad inmitten von Reisfeldern und bestaunen die vorbeifliegenden Libellen und Schmetterlinge. Steine als Wegweiser säumen den Weg und zeigen uns die Richtung ins nächste Dorf. Frauen schleppen volle, mit trockenen Zweigen befüllte Körbe an uns vorbei bis nach oben hoch ins Dorf. Augenkontakt wird von ihrer Seite aus stets vermieden, wie uns auffällt.
Plötzlich steht ein riesiger Wasserbüffel mit glatter, grauer Haut mitten auf dem schmalen Pfad, mampft genüsslich saftig grüne Gräser und versperrt uns mit seinem dicken Körper den Weg. Rechts geht es steil den Hang hinauf zur nächsten Reisterrasse, links steil hinunter, was sollen wir tun? Wir nähern uns vorsichtig bis auf wenige Meter, als sich das Ungetüm schließlich umdreht und uns entgegenkommt. Die bedrohlich gebogenen Hörner auf uns gerichtet fängt es auch noch an, drohend zu schnauben und zu fauchen. Wir weichen eilig zurück. Hier kommen wir nicht weiter, der Weg ist einfach zu schmal, um mit einem gewissen Abstand an dem mächtigen Tier vorbeizukommen… Da hilft nur eines: Wir drehen um, klettern auf das höhergelegene Reisfeld und hinter dem Büffel wieder hinunter, um unseren Weg fortzusetzen.

Fotostrecke Reisterrassen Yuanyang

Wenig später erreichen wir ein Dorf, das eine einzige große Baustelle ist. Nur wenige Wege sind betoniert. Wasserleitungen scheint es zwar zu geben, sind aber defekt. Eine schwarze Brühe läuft über den schlammigen Weg. An einer Ecke vor ihrem Haus wäscht sich eine alte Frau ihr Gesicht, an einer anderen spielen Kinder im Dreck. Wie in Pugaolao laufen Geflügeltiere und schwarze Hausschweine frei herum. Nur Wasserbüffel und Hunde werden angeleint. Beim Anblick der Enten bekommt Sven Appetit. Doch wir müssen weiter.
Unterwegs merken wir, dass die genaue Lage der Orte auf unserer Karte nicht mit den Himmelsrichtungen übereinstimmt und wir seit einiger Zeit in die falsche Richtung gelaufen sind. Die Abendsonne taucht die Berghänge in ein sanftes Licht. Die Schatten werden länger. Wir laufen weiter bergauf. Irgendwo da oben muss eine befestigte Straße sein, von wo aus wir weiter kommen, wo auch immer wir uns gerade befinden. GPS funktioniert hier nicht.
Im nächsten Dorf erreichen wir mit unserer chinesischen Wanderkarte nichts, geschweige denn auf Englisch. Auch hier gackern nur die Hühner, irgendwo knattert ein Moped. Nach weiteren Schweißperlen, es geht immer noch bergauf, erreichen wir endlich eine betonierte Straße. Jetzt kommen wir schneller voran und das nächste Dorf scheint größer zu sein. Auch hier schleppen Frauen schwere, mit Steinen gefüllte Körbe auf dem Rücken zu einer Baustelle, während Männer an einem Rohbau Bambusstangen zu einem Gerüst zusammenzimmern. Wir erkundigen uns bei einem Chinesen nach dem Weg nach Shengcun. „Das hier ist Shengcun!“, entgegnet er. Da vorne ist die Hauptstraße…
Zu unserer Freude entdecken wir dort gleich mehrere kleine Obststände. Auch wenn die Auswahl vielfältig ist, lässt die Qualität zu wünschen übrig. Schrumpelige Mangos und Drachenfrüchte liegen neben braunen Bananen und Äpfeln aus der letzten Saison. Nur die mit Staub bedeckten Pfirsiche und Weintrauben sehen relativ frisch aus, sind aber leider nur abwaschbar. Aufgrund der chinesischen Düngemittel verzichten wir lieber darauf. Gleich nebenan zeigen wir der Verkäuferin ein Foto einer chinesischen Milchpackung. Kurzerhand verschwindet sie in den hinteren Teil ihres Ladens und kommt mit einem großen Karton voll mit Michpäckchen zurück. Wir schlagen zu und decken uns für die nächsten drei Tage noch mit ein weiteren Getränken ein. Offenbar hocherfreut über den „Großeinkauf“ erhalten wir kostenlos Weintrauben, die leider bereits am nächsten Tag verschimmelt sind.
Glücklich über unseren Einkäufe treten wir wieder auf die schmale Straße als wir ein lautes Hupen vernehmen. Aus einem Autofenster schaut der dunkle Lockenkopf unserer Guesthouse-Besitzerin. Was für eine Überraschung! Ob wir mit ihr zurück fahren wollen? Da sagen wir doch nicht nein! Dankend, nach der langen Wanderung nicht noch einen Minivan organisieren zu müssen, steigen wir ein und erfahren auf der Rückfahrt noch ein paar Details über die Gegend.
So werden die Dörfer erst seit etwa einem Jahr von der Regierung mit finanziellen Mitteln unterstützt und es wird überall gebaut. Der Tourismus wird zu einer immer wichtig werdenden Einnahmequelle. Doch wie viel von dem hohen Eintrittsgeld, das ein Tourist für besondere Aussichten in dieser Region zahlt, wirklich bei den Dörfern ankommt – wir können nur mutmaßen. Jetzt, im Juni, sei jedoch Nebensaison und wir sind froh, nicht von Massen umgeben zu sein. Es gibt sie noch die ruhigen Orte in China. Man muss nur rechten Zeit am rechten Ort sein…