Der zweite Versuch – dieses Mal stehen wir bereits um acht Uhr an der Dorfstraße von Baishuitai und warten auf den Bus zur Tiger Leaping Gorge. Und dieses Mal warten wir nicht umsonst. Kurz nach halb neun kommt der ersehnte Bus, es gibt genügend freie Plätze und wir nehmen erleichtert Platz. Um diese Zeit hat sich der Frühnebel noch nicht gelegt. Bald merken wir, dass es eigentlich Wolken sind, die sich am Berghang festgesetzt haben. Sobald wir aus einer Wolke herausfahren, schimmert die Sonne zaghaft durch eine weitere höhere Wolkenschicht.

Nach knapp zwei Stunden Fahrt erreichen wir den schlammig-braunen Yangtze Fluss, der hier ruhig durch einen weiten, ausgetrockneten Talkessel fließt. Brauntöne wechseln sich ab. Wir fahren flussaufwärts und die Landschaft ändert sich dramatisch. Zwischen zwei über sechstausend Meter hohen Bergmassiven öffnet sich die tiefste Schlucht der Welt, die vom Yangtze geformte Tiger Leaping Gorge. Sie ist so schmal, dass sich die Straße zweihundert Meter über dem Fluss am Hang entlang schlängeln muss. Die Felswand auf der gegenüberliegende Flussseite ragt über viertausend Meter fast senkrecht in die Höhe, so dass Kathi beim Anblick schwindlig wird. Wir folgen dem Fluss und der Schlucht. Nur an wenigen Stellen ist Platz für steile, saftig grüne Terrassenfelder und einige Häuser. Eine dieser Stellen ist Walnut Garden. Hier befindet sich das Ticket Office für die Schlucht, sowie einige Guesthouses. Wir steigen aus dem Bus, der weiter nach Lijiang fährt, kaufen Tickets und finden schnell eine Unterkunft, das gemütliche Tibet Guesthouse, wo wir uns erstmal mit einer leckeren Nudelsuppe stärken.

Fotostrecke Tiger Leaping Gorge

Am Nachmittag juckt es uns in den Beinen und wir wandern hinunter in die Schlucht. Auf dem steilen Pfad durchqueren wir erst Felder, dann wildes Buschland. Um uns herum flattern unzählige Schmetterlinge und andere Insekten, die wir zuvor noch nie gesehen haben: Fliegende, farbenfroh schillernde Käfer mit langen Fühlern und kompakte Brummer, die so schwer sind, dass sie sich kaum in der Luft halten können. Eine grüne Schlange schlängelt sich über den Weg. In den Büschen sitzen Mini-Echsen. Wir erreichen den Fluss, als es anfängt zu regnen. In einer kleinen Hütte stellen wir uns unter und genießen die Aussicht. Die Luft ist erfüllt vom Donnern der reißenden Fluten, die tief unter uns zwischen engen Felswänden über Stromschnellen brodeln.
Bald lässt der Regen nach und weiter gehts. Der Weg verläuft, in den Fels geschlagen, parallel zum Fluss. An einer weiteren Hütte stellt sich uns ein grimmig dreinschauender Mann in den Weg. Jetzt heißt es, Geld zahlen oder umkehren. Wir haben gelesen, dass Locals für Wegabschnitte am Fluss kassieren. Angeblich haben sie die Pfade errichtet und halten sie in Stand. Wir wären gerne weiter hinunter zum Fluss gelaufen. Da wir jedoch schon genügend Eintritt für die Schlucht gezahlt haben und das Auftreten des Mannes eher dem eines Kriminellen entspricht, machen wir kehrt, um denselben Weg zurückzulaufen.

Schnell erreichen wir die Hütte, in der wir uns zuvor untergestellt hatten. Wieder stellt sich uns ein Mann mit bedrohlicher Gestik in den Weg. Nun sollen wir plötzlich für den Rückweg Geld zahlen. Wir führen eine erregte Diskussion. Zuvor im Regen war der Kerl in irgendeiner Hütte und es war für uns nicht ersichtlich, dass wir einen Abschnitt betreten, der extra kosten soll. Da wir größeren Stress vermeiden wollen und zwischen zwei ‚Checkpoints‘ gefangen sind, zahlen wir ihm umgerechnet etwa zwei Euro (weniger, als zuerst verlangt) mit dem Hinweis, mehr hätten wir nicht dabei. Wir können passieren, aber unsere gute Laune ist dahin. Wir überlegen, ob wir die geplante Wanderung entlang der Schlucht überhaupt noch machen wollen. Der Sohn der Inhaber unseres Guesthouses versichert uns jedoch, dass uns auf der Strecke keine weiteren Zahlugen erwarten und so entscheiden uns dafür, am nächsten Tag aufzubrechen.

Fotostrecke Tierwelt in der Gorge

Gegen halb neun Uhr morgens lassen wir uns von dem netten Sohn mit dem Minivan ans Westende der Schlucht nach Qiaotou fahren, um von dort aus zu unsem Guesthouse in Walnut Garden zurückzuwandern. Nach der schlechten Versorgungslage in Baishuitai und Walnut Garden haben wir Heißhunger auf frisches Obst und Kathi auf Buns. So führt unser Weg erst einmal auf den lokalen Markt. Hier decken wir uns ein mit frischen Äpfeln, Bananen und Mangosteen. Nebenan werden lebene Hühner nach Gewicht verkauft. Für Buns, die in China typischerweise zum Frühstück verzehrt werden, ist es inzwischen zu spät. Wir bekommen nur noch eine Art Dumpling mit Hackfleisch. Kathi hat gerade ihre vegetarische Woche, deshalb landet alles in Svens Magen.

Im Supermarkt kaufen wir probiotische Joghurt-Drinks, Wasser und Nüsse. Kurz nach zehn Uhr sind unsere Rucksäcke prall mit Proviant gefüllt, die Wanderung kann losgehen. Entlang einer kleinen Straße geht es den Hang hinauf in die Schlucht, wo der eigentliche Wanderweg beginnt. Männer stehen mit Pferden bereit, die faule Wanderer den Hang hinauftragen. Nach unserem Höhen-Wandertraining in Tagong und Yading sind wir jedoch fit wie zwei Turnschuhe und lehnen dankend ab. In Kurven schlängelt sich der schmale Pfad über 800 Höhenmeter hinauf, wir streifen über rotbraune Weiden und durch duftende Kiefernwälder entlang schroffer Felsen.

Oben angekommen fließt der Fluss vielleicht 100 Meter neben, aber 800 Meter unter uns – eine atemberaubende Aussicht. Ein falscher Schritt auf dem schmalen Pfad und wir würden uns viele dutzend Meter tiefer wiederfinden. Den schweißtreibendsten Teil des Weges haben wir hinter uns. Weit oben am Hang, aber ohne längere Steigungen wandern wir fünfzehn Kilometer durch die Schlucht. Wir passieren einige Bergdörfer mit Guesthouses, die durch steile, kurvige Straßen aus dem Tal hinauf erschlossen werden. Viele Wanderer teilen die Wanderung auf zwei Tage auf und übernachten hier unterwegs. In einem familiengeführten Restaurant essen wir leckere Bohnensprossen und Blumenkohl und Broccoli mit Knoblauch.

Gestärkt wandern wir weiter entlang rotbrauner Felsen und gurgelnder Wasserfälle. Mit jeder Kurve in der Schlucht ändert sich das Wetter. Von Sonne über Regen, Windstille bis Sturm ist alles mit dabei. Kathi hat sich nach dem Viel-Schichtenprinzip gekleidet und ist immer wieder mit An- und Ausziehen beschäftigt. Ein plötzlicher Regenschauer zaubert einen doppelten Regenbogen vor die gegenüberliegende Felswand, wir fühlen uns wie im Märchenland. Als wir nach achteinhalb Stunden Wanderung (inklusive Pausen) wieder zur Straße hinabsteigen, fühlen sich unsere Beine an wie Pudding. Die Schultern schmerzen vom Tragen der Rucksäcke, auch wenn ein Großteil des Proviantes inzwischen verzehrt ist. Eine halbe Stunde noch laufen wir entlang der Straße, dann haben wir es geschafft.

Im Guesthouse angekommen stoßen wir mit einem kalten Bier an. Tatsächlich mussten wir heute kein extra Geld für Wegabschnitte bezahlen. Der Wanderweg mit durchweg spektakulären Aussichten war nicht überfüllt. Nur drei- oder viermal haben wir andere Paare oder kleine Wandergruppen getroffen, vermutlich auch, weil wir recht spät aufgebrochen sind. Die Wanderung hat sich für uns definitiv gelohnt und unsere Erwartungen noch übertroffen. Den nächsten Tag verlassen wir unsere Unterkunft nur, um Getränke zu holen und zu Mittag zu essen. Zu schwer sind unsere Gliedmaßen immer noch und auf dem Laubengang vor unserem Zimmer lässt es sich wunderbar in der Sonne entspannen.