Tagong 塔公 Lhagang ལྷ་སྒང་ Von Kangding aus fahren wir auf dem Sichuan-Tibet-Highway Richtung Westen zu den Tagong Grasslands auf 3500m Höhe. Die nächsten 1000 Höhenmeter liegen vor uns. Der anfangs eher zweckmäßig geplante Zwischenstopp zur Akklimatisierung und Aufteilung der langen Strecke nach Litang erweist sich jedoch als Glücksgriff, wie sich nach kurzer Zeit herausstellen sollte.

Rasend schnell braust der Minivan die kurvige, aber gut ausgebaute Bergstrecke empor, erklimmt einen Pass mit über 4000m, fährt ein Stück wieder nach unten, dann wieder hoch. Mit jedem Höhenmeter wird die Landschaft karger. Je nach Exposition sind die breiten Berghänge mal trocken braun gefärbt, mal saftig grün. In der Ferne sind schneebedeckte Gebirgsketten zu erkennen. Seit Kangding ist der tibetische Buddhismus allgegenwärtig. Die Mantras sind in weißen, tibetischen Schriftzeichen lebensgroß an den Berghängen bereits von weitem zu erkennen, während auf jeder Bergkuppe zahlreiche Windpferde farbenfroh im Wind flattern. Freudestrahlend kleben wir an der Fensterscheibe und würden am liebsten aussteigen. Doch unser Minivan-Fahrer saust schnell an der Landschaft vorbei. Die anderen Mitfahrer sind Einheimische und verschlafen das Panorama.

Wir steigen in der kleinen Stadt Tagong an dem menschenleeren Dorfplatz aus. Seit Kangding ist es plötzlich ruhig in den Straßen. Die „Stadt“ wirkt wie ein ausgestorbenes Dorf. Bei der Unterkunftssuche haben wir hier kein Glück: alle Unterkünfte sind ausgebucht, da gerade ein Gebetstreffen stattfindet, wie wir später erfahren. Glücklicherweise haben wir noch eine Anlaufstelle weiter unten im Tal. Dank eines englisch-mächtigen Einheimischen nehmen wir den nächsten örtlichen Bus und quetschen uns mit unserem Gepäck zwischen die anfangs staunenden und dann lachenden chinesischen Touristen aus Shanghai. Sie machen nur einen Tagesausflug nach Tagong und freuen sich über die neue Attraktion: „Ni hao“ mit deutschem Akzent! Das wird natürlich prompt fotografisch festgehalten.

Fotostrecke

Nach einer halben Stunde erreichen wir das kleine tibetische Dorf Tagong-Pasu. Wir sind auf dem Land! Entlang eines Flusses haben sich tibetische Familien weit verstreut zweistöckige Steinhäuser errichtet. Besonders schön sind die typisch tibetischen, reichlich verzierten und farbenfroh bemalten Türen und Fensterrahmen. Die eingezäunten Grundstücke sind riesig. Dazwischen grasen Pferde neben Yaks auf weitläufigen sattgrünen Wiesen. Weiter oben an den Hängen wird es trockener. Lange Zeit hat es in dieser Region nicht geregnet.

Wir übernachten in dem Pasu Riverview Guesthouse bei einer sehr herzlichen tibetisch-schweizerischen Familie und erfahren viel über das dortige Leben. Isa lebt seit etwa 15 Jahren mit ihrem tibetischen Mann Tashi und der mittlerweile sechsjährigen Tochter in dem Dorf. Mehrsprachigkeit ist an der Tagesordnung. Abends kocht uns Tashi eine sehr leckere tibetische Nudelsuppe aus frischen, selbst gemachten Bandnudeln, diversem Gemüse und etwas Fleisch. Dazu gibt es grünen Salat aus dem eigenen Garten. Kaum zu glauben, wir essen seit Ewigkeiten wieder einmal grünen Salat, um den wir sonst einen großen Bogen machen. Frisches Gemüse gibt es in der Region eher selten. Es wird zur besseren Haltbarkeit einlegt, während Fleisch und Käse getrocknet wird. Gut aufgewärmt vom Essen gehen wir nach unten in unser Zimmer und hätten am liebsten die Heizung angemacht. 14°C zeigt unser Thermometer an, noch kälter als in Kangding! Wir tropischen Frostbeulen haben uns immer noch nicht an die kühleren Temperaturen gewöhnt und setzen alle Hoffnung auf die dicken Wolldecken. Erst die zusätzlichen Wärmflaschen des Guesthouses helfen.

Morgens essen wir seit langer Zeit das erste Frühstück auswärts mit selbst gebackenem Brot, Butter und Käse aus Yak-Milch, dazu Honig und einen frisch gemahlenen Kaffee. Zusätzlich bietet mir Tashi an, Tsampa, ein Grundnahrungsmittel der Tibeter selbst zu machen. Ich bin neugierig und stimme zu. Tsampa རྩམ་པ་ wird aus geröstetem Gerstenmehl, Buttertee und wahlweise getrocknetem Käse mit einer Hand zu einer Teig ähnlichen Masse geknetet, bis er nicht mehr klebt. Die Schwierigkeit liegt wie bei Pizzateig in dem richtigen Verhältnis der Bestandteile. Da ich am Anfang zu viel Buttertee genommen habe, muss mehr Mehl hinein. So heißt es weiter kneten und die Tsampa-Kugel wird folglich immer größer. Hoffentlich schmeckt mir das, denke ich mir und bin gespannt, wie es weiter geht. Ein zusätzliches Backen ist nicht notwendig, erklärt Tashi in schweizerdeutsch, denn die Gerste war bereits geröstet und ist somit gut bekömmlich. Noch ein kurzer prüfender Blick und fertig ist mein Tsampa. Da sitze ich nun mit meinem Tsampa-Brot-Kloß in der Hand und rupfe ein Stück ab. Es schmeckt, nun ja, nach einem Getreideteig und ist sehr sättigend. Auch heute noch ist Tsampa ein wichtiges Grundnahrungsmittel der Tibeter, insbesondere der Yak-Hirten, und unterwegs mit Buttertee und Mehl schnell zubereitet.

Die Sonne knallt vom blauen Himmel, nur in der Ferne sind die Bergspitzen Wolken verhangen. Also nichts wie los auf den Bergrücken, um hier noch mehr schneebedeckte Berge (6000 bis 7000er) zu sehen. Und wirklich, nachdem wir auf schmalen, schlängelnden Pfaden an dem frischen Grün der Birken und Lärchen und den fast schon verblühten Rhododendren steil nach oben gestiegen sind, werden die Wolken in der Ferne weniger. Wer einmal wandern war, weiß, wofür sich der Aufstieg lohnt: der Ausblick! Wahnsinn. Uns fehlen die Worte. Unsere Blicke streifen von rechts nach links, wir drehen uns um 360°. Da ist nicht nur ein Berg zu sehen, sondern eine ganze Gebirgskette erstreckt sich vor uns von rechts nach links, wenn auch weit entfernt am Horizont. Wir satteln ab, suchen uns ein schattiges Plätzchen und genießen den Anblick. Ein paar Meter neben uns grasen Yaks auf den steilen Hängen und Adler ziehen ihre Kreise.

Fotostrecke Tagong

Am Nachmittag machen wir einen Ausflug mit der tibetischen Familie nach Tagong. Auf dem Weg kommen wir an einem Flusstal vorbei, dessen Flussbett mit großen Findlingen übersät ist. Das Besondere: Jeder der Steine ist mit tibetischen Mantras in weißer Schrift bemalt worden, ein unglaublich schöner Anblick. Von der Schweizerin erfahren wir, dass es eine Aktion der Tibeter zum Schutz des Flusstals ist. Die chinesische Regierung würde sonst die als Baumaterial wertvollen Steine abtransportieren. Bislang wird das für die Tibeter heilige Tal respektiert.

Fazit: Wer abseits der teils hektischen chinesischen Städte und des Touristenpfades Ruhe und Entspannung sucht, ist in Tagong und in dem kleinen Dorf Pasu genau richtig, sollte sich aber auf die kühlen nächtlichen Temperaturen einstellen.