James Hilton beschreibt 1933 in seinem Roman „Lost Horizon“ ein Tal im Himalaya namens Shangri-La. Die Bewohner leben glücklich und werden steinalt. Seitdem ist Shangri-La ein Synonym für das Paradies auf Erden, isoliert von der Außenwelt. Im Jahr 2001 wurde die Stadt Zhongdian im tibetischen Teil Yunnans aus Marketing-Gründen in Shangri-La umbenannt. Es funktioniert, viele Touristen kommen in den Ort. Leider ist im Januar 2014 die Altstadt abgebrannt, aber der Wiederaufbau ist in vollem Gange.

Das Yading Nature Reserve hat eine der dramatischsten Hochgebirgslandschaften Chinas. Früher ein „Geheimtipp“, wird es in letzter Zeit aggressiv vermarktet. 2013 wurde der auf 4400 Metern höchstgelegene zivile Flughafen der Welt Daocheng Yading eröffnet. Eine Busstunde vor dem Reserve lag die kleine Siedlung Riwa. Sie bestand bis vor kurzem aus wenigen Häusern, wird aber gerade zu einer Stadt ausgebaut, die sich kilometerweit am Fluss entlang und die Nebentäler hinauf erstreckt und vielen Tausend Touristen gleichzeitig Unterkunft bieten soll. Da dachten sich die Verantwortlichen, dass die Shangri-La-Nummer doch auch hier nicht schlecht wäre.

Fotostrecke Shangri-La (Yading)

Jetzt gibt es zwei Shangri-Las und von Daocheng aus fährt ein Bus in das eine (Yunnan) und Minivans in das andere (Yading). Wir wollen in das andere und die Angestellte aus der Jugendherberge hat uns einen Minivan organisiert. „Ob denn noch andere mitfahren?“, fragen wir sie misstrauisch. Das sei egal, der Preis sei 50 Yuan pro Person, auch wenn wir zu zweit fahren würden. Wir können es nicht glauben, steigen aber ein. Der Fahrer dreht zwei Runden durch die Stadt, ruft „Yading Yading“ aus dem Fenster, sobald er einen Touristen sieht, aber niemand will mitfahren. Für die Fahrt zu zweit sollen wir nun aber doch 100 Yuan pro Person bezahlen. Das ist uns zu teuer und wir steigen wieder aus.

Zum Glück finden wir einen anderen Minivan, in dem bereits ein Fahrgast sitzt. Zu dritt fahren wir dann zum normalen Preis nach Shangri-La. Unterwegs machen wir einen Stopp an einer kleinen Monastery. Die Mittagssonne brennt vom blauen Himmel, einige Leute sitzen vor der knallbunten, reich verzierten Pforte im Schatten und schnacken, eine Frau isst ein Wassereis. Der Innenhof, umrahmt von Klostergebäuden aus weiß getünchtem Stein und bunten Holzelementen ist menschenleer. Wir bestaunen die beiden reich bemalten und verzierten Klostergebäude, bevor die Fahrt weitergeht.

Bald erreichen wir Shangri-La. Unser Mitfahrer steigt an der Jugendherberge aus. Wir haben keine Unterkunft vorgebucht und folgen ihm. Da das Haus aber gerade umgebaut wird, haben wir Angst vor zu viel Baulärm und Staub und suchen ein anderes Guesthouse. Auf dem Weg wird uns klar: Dem Lärm und Staub werden wir hier nicht entkommen. Überall sehen wir Baugruben, Bauzäune und halbfertige Häuser. Da es in diesem Jahr noch nicht nennenswert geregnet hat, ist der Boden komplett ausgetrocknet und besteht aus sehr feinen Partikeln. Wo die Erde aufgerissen wird, bilden sich riesige Staubwolken. Da die Erde überall aufgerissen wird, liegt in der ganzen Stadt auf jeder Straße, jedem Stein und jedem Baum eine Staubschicht. Bei jedem Schritt und erst recht durch Fahrzeuge wird der Staub wieder aufgewirbelt. Atmen macht nicht wirklich Spaß hier.

Im neuen Zentrum Shangri-Las werden zwischen Neubauten im traditionell tibetischen Stil Stadtplätze mit Gebetsmühlen und ein künstlicher Wasserfall am Hang angelegt. Entlang des Flusstales stehen riesige Hotelkomplexe. Wir finden ein schönes Guesthouse, gehen aufs Zimmer, öffnen die Fenster und lassen uns zum Baustellenlärm die Sonne auf den Pelz scheinen. Abends, wenn die Bauarbeiter Feierabend machen, startet direkt nebenan in einer Bar in hoher Lautstärke ein Unterhaltungsprogramm, dass auch am Ballermann nicht fehl am Platze wäre. Musik und Megaphonansagen ertönen in hoher Lautstärke bis in die Nacht. Gegen halb eins übernehmen die zahlreichen Straßenhunde. Direkt vor dem Fenster wird die ganze Nacht aus voller Hundekehle gebellt und gejault.
Übernächtigt entschließen wir uns am nächsten Morgen, unseren geplanten Besuch im Yading Nature Reserve zu verschieben. Etwas Bewegung brauchen wir dennoch. Über eine Brücke erreichen wir den alten dörflichen Teil Shangri-Las, wo Gemüse angebaut wird, Rinder auf der Straße stehen und Senioren vor dem Tempel sitzen. Wegen des Vollmondes scheinen die Rinder jedoch rollig zu sein, machen komische Geräusche und kommen bedrohlich auf uns zu. Wir machen kehrt und wandern wir am frühen Abend einen Berg hinauf. Unterwegs am kahlen Hang haben wir eine gute Aussicht auf die Stadt, viele schön geformte Felsen säumen den Weg. Weiter oben durchqueren wir einen Kiefernwald und schließlich erreichen wir eine ebene Grasfläche mit Büschen und Wildblumen. Hier eröffnet sich uns die Sicht auf noch höhere Berge und eine beeindruckende Felsspitze. Wir freuen uns auf die längere Wanderung, die wir am nächsten Tag im Yading Reserve machen wollen.