03. August 2015 – Wer mit dem Zug durch Myanmar fährt, der sollte eines mitbringen: Zeit und Sitzfleisch. Mit rund 20 kmh tuckert die Bahn mit einer Stunde Verspätung am Nachmittag im Bahnhof von Yangon ein. Wir merken schnell, dass wir die erste Klasse gebucht haben. Kaum wird der Zug aufgerufen, wird unser Gepäck auf einen Kofferwagen gewuchtet und zum Gleis gebracht. Auch unser überraschtes „Nein danke, wir können das selbst tragen.“ stößt auf Unverständnis. Wir sollen bitte folgen und betreten als erste den Bahnsteig. Mir ist die viele Aufmerksamkeit unangenehm, da alle anderen Mitfahrenden noch geduldig warten müssen. Was haben wir da bloß gebucht?

Nach Angaben der Bahn 17 ½ Stunden soll die Fahrt in die 600 km entfernte Tempelstadt Bagan dauern. Der klimatisierte Bus braucht auf dem neu asphaltierten Highway nur sechs Stunden. Wir fahren lieber Bahn und gönnen uns für die Nachtfahrt einen Schlafwagen, den es nur in der 1. Klasse gibt, und bekommen ein eigenes Abteil mit separatem Eingang und Toilette. Wir sind von soviel Luxus überrascht. Auf jedem Sitz liegen frisch bezogene Kopfkissen und weiße Laken für die Nacht. Eigentlich sind acht Schlafplätze vorhanden, doch niemand steigt hinzu. Mit der Zeit bereuen wir so viel Geld (ca. 17$ pro Person) ausgegeben zu haben. Zwar sitzen wir auf bequemen, wenn auch staubigen Polstern und nicht auf Holzbänken, einen Durchgang von unserem Abteil zum restlichen Zug gibt es jedoch nicht. Wir sind schlichtweg vom Rest isoliert. Beine vertreten und dabei den Zug erkunden, ist diesmal nicht möglich. So können wir auch nicht die Klotür des Nachbarabteils schließen, als diese rhythmisch im Takt die ganze Nacht auf- und zuschlägt. Während ich dank der Oropax oder der Übermüdung in einen halbwachen Schlaf verfalle, findet mein Mitfahrer keine Ruhe. Ein weiterer Nachteil: Durch die Isolation kommen auch keine Händler vorbei, die laut schreiend ihre Waren auf ihrem Kopf tragend anpreisen. „Coffee, coffee, mango, mango, rice, fried rice, sir?“ Für die Verpflegung sind wir nun auf die teure Bestellung beim Schaffner angewiesen, hoffen aber auf Verkäufer an den Gleisen, um wenigstens Wasser für die Nacht besorgen zu können. Man kann nicht alles haben.

Klickklack, klickklack ist das fortwährende Geräusch des Zuges, das sich schnell in unseren Ohren festsetzt. Unweigerlich werden wir in eine andere Zeit versetzt. Die Entschleunigung kann beginnen. Ein angenehm warmer Wind weht uns durch die offenen Fenster ins Gesicht. Eine Klimaanlage ist überflüssig, aber auch nicht vorhanden. Die vom Monsun überschwemmten Vororte von Yangon gehen in endlose saftig grüne Reisfelder über, unterbrochen durch staubige Dörfer mit Bambushütten. Die Menschen lächeln. Es ist wie Radfahren auf einem Fahrrad ohne Gangschaltung: wenn du langsamer fährst, siehst du mehr. Gemütlichkeit macht sich breit. Hier und da fängt der vordere Wagen im Takt an zu springen, klickklack, klickklack. Viel fehlt nicht mehr und gleich steht er neben dem Gleis. Kaum zu glauben, aber wir haben andere Reisende in China getroffen, die den Zug verlassen mussten, weil ein Teil heraus gesprungen war.

Es wird dunkel und Insekten jeglicher Art suchen ihren Weg in unseren hell erleuchteten Wagen. Selbst Heuschrecken aus den Feldern sind plötzlich unsere Weggefährten, von Mücken ganz zu schweigen. Da hilft nur eines, wir müssen die schweren Metallschotten in den Fenstern herunterlassen. Einziger Nachteil, es wird warm. Der mit Staub und Spinnweben bedeckte Deckenventilator im Abteil funktioniert natürlich nicht. Nothing is perfect…
Nachts ist es draußen stockfinster. Es ist kein Licht zu sehen. Langsam, ganz langsam tuckert der Zug klackernd durch das Land, hält unerwartet im Nirgendwo und steht minutenlang. Außer dem Zirpen der Grillen ist kein weiteres Geräusch zu hören. Diese Szene wiederholt sich des öfteren. Plötzlich ertönt ein Stimmengewirr, Taschenlampen leuchten entlang der Gleise die Strecke ab. Wir können nichts erkennen und machen schnell wieder die Schotten dicht, um die Moskitos fern zu halten.
Wie wir später erst im Morgengrauen erfahren, waren Gleise vom Hochwasser unterspült und mussten wieder repariert werden. Aus den geplanten 17,5 Stunden wurden so schnell über 20. An Schlaf war kaum zu denken. Der teure 3-in-1-Kaffee zum Frühstück, den wir abends bestellt hatten, schmeckte an diesem Morgen seltsamerweise besonders gut. Voller Vorfreude, aber völlig übermüdet erreichen gegen Mittag den Bahnhof von Bagan.