Windpferd und Fischsauce

unterwegs zwischen Himalaya und Pazifik

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Mawlamyine မော်လမြိုင်မြို့, – die verschlafene Hafenstadt mit morbidem Charme

26. Juli 2015 – Es ist die erste Station in Myanmar. Die drittgrößte Stadt mit rund 325.000 Einwohnern zeigt sich von ihrer grauen und nassen Seite. Seit unserer Ankunft gießt es nahezu jeden Abend in Strömen. Viele Bereiche werden minutenschnell unter Wasser gesetzt. Wer trocken bleiben möchte, bleibt lieber zu Hause oder wagt sich mit einem Regencape bewaffnet nach draußen. Doch schnell merken wir, dass die dünnen Capes das Wasser nur minimal von der Unterwäsche fern halten. Immerhin waren sie günstig.

Nur kurz etwas essen oder einkaufen kann sich dadurch schon einmal in die Länge ziehen. Trocken bleiben ist unmöglich. Nach ein paar Stunden ist von der Überschwemmung fast nichts mehr zu sehen. Land unter heißt es jedoch in weiten Teilen des Landes. Nicht nur ein kurzer Monsunschauer, sondern ein Taifun trifft die Küste im Westen des Landes und zieht als großes Regengebiet über Myanmar hinweg. Wie wir später erst noch mitbekommen werden, ist das Ausmaß der Schäden so groß, dass im ganzen Land die Menschen für Spenden an die Flutopfer auf die Straße gehen. Die Überschwemmungen schaffen es sogar in die internationale Presse. China und Indien bieten ihre Hilfe an.

Mawlamyine hat viele Gesichter: Wer eine Vorliebe für den Charme des Vergänglichen hegt, wird sich in die Stadt verlieben. Eingebettet zwischen dem Meer auf der einen und einer Hügelkette mit vielen Pagoden auf der anderen Seite war sie zur britischen Kolonialzeit die Hauptstadt des British Burma und eine wichtige Hafenstadt. Heute beschränkt sich der wenige Verkehr auf die Hauptstraße. Hell erleuchtete, blitzblanke Werbeschilder von Mobilfunkläden ziehen uns in ihren Bann. Recht unkompliziert besorgen wir uns eine Sim-Karte, um nicht auf die wlan-Verbindung im Hotel angewiesen zu sein. Doch anfangs haben wir kein Glück mit dem worldwideweb und ärgern uns dafür Geld ausgegeben zu haben. Erst als wir die Stadt verlassen, läuft alles rund und wir sind überall erreichbar…

Abseits der Hauptstraße scheint es, als verfalle die Stadt zunehmend. Mauern und Fassaden der Kolonialgebäude werden von Moosen und Flechten überwuchert und lassen die Schönheit erahnen. Hier und da wachsen Sträucher aus den Rissen. Die Farbe blättert ab. Vereinzelt sind die Gebäude saniert worden, werden als Guesthouse genutzt. Wir kehren in eines der vielen Teehäuser ein und genießen Milchtee und Kaffee. Beides ist zuckersüß. Auch die Teehäuser sind ein Überbleibsel aus der britischen Zeit. Ähnlich wie in China sind sie Treffpunkt der Einheimischen für Klatsch und Tratsch, zum Zeitung lesen und natürlich Tee bzw. Kaffee trinken. Bis heute gibt es für Männer und Frauen getrennte Teehäuser, wie wir erst später erfahren. Die männlichen Gäste des Teehauses scheinen sich an meiner Anwesenheit zumindest nicht zu stören, blicken nur kurz von ihrer Zeitung auf, um sich dann wieder den englischen Artikeln zu zuwenden. Englisch ist dank der Briten recht verbreitet, auch bei der älteren Generation. Die Tee-„zeremonie“ sieht im Vergleich zu China etwas anders aus. In Kunming bekamen wir zwei Tassen mit grünen Teeblättern sowie eine große zwei Liter Kanne mit heißem Wasser auf den Tisch gestellt. Wir mussten uns den Tee selbst zubereiten und konnten immer wieder Wasser nachgießen. Hier im Teehaus von Mawlamyine wird der schwarze Tee frisch vor unseren Augen gebrüht und aus einer Tasse mit einem Abstand von etwa einem Meter schwungvoll in eine andere gegossen. Dieser Vorgang wird mehrmals wiederholt, um Milch und Tee gut zu mischen und ihn gleichzeitig in Trinktemperatur zu servieren. Ich bin verblüfft: nicht ein Tropfen geht daneben. Natürlich gibt es für Sven auch einen Kaffee, der auf die gleiche Weise zubereitet wird. Neben den heißen Getränken werden uns noch einige Leckereien, wie Reiskuchen und anderes Gebäck auf den Tisch gestellt. Bezahlt wird nur das, was verzehrt wird. Beim Abräumen fällt dem 14jährigen Jungen eine Serviette herunter und liegt neben meinen Füßen. Reflexartig hebe ich sie auf und reiche sie ihm. No, miss! Thank you, miss. sagt er schüchtern. Erstaunt erwidere ich „No problem“ mit einem Lächeln und zahle Kaffee und Tee.

Auf dem Weg vorbei an Kolonialgebäuden Richtung einer großen Klosteranlage, der Kyaikthanlan Paya, kreuzt ein Mönch auf der anderen Straßenseite unseren Weg. Während wir schlendernd ein paar Fotos von der Umgebung machen, verlangsamt er seinen Schritt, bleibt stehen und kommt auf uns zu. Freudestrahlend schaut er mich an, schaut Sven an und nimmt meine Hand. Nach allem, was wir generell über die buddhistischen Mönche gelesen haben, sind wir verwundert. Sofort springen mir die aus Thailand bekannten Verhaltensregeln in den Sinn. Schau keinem Mönch in die Augen oder berühre ihn. Und nun steht ein magerer Mönch mit tief eingefallenen Augen und faltigem Gesicht vor uns, hält mit seiner knochigen Fingern meine Hand und begrüßt uns immer wieder mit „mingalabar, mingalabar“. Leider geht die Konversation nicht darüber hinaus und so ziehen wir weiter Richtung Pagode. Der Mönch folgt uns langsam. Im Vergleich zu Thailand haben die Mönche in Myanmar keine Sonderstellung. Sie haben beispielsweise keinen extra ausgewiesenen Sitzplatz in den Bussen, sondern sind näher bei den Menschen. In Myanmar sind es die Mönche, die auf die Straße gehen, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Auch sind es die Mönche, die sich darum kümmern, dass ein Dorf Strom und fließendes Wasser bekommt.
Die Kyaikthanlan Paya ist eine besondere Pagode. Auf einem 150m hohen Hügel erbaut ist sie über eine vermoderte breite, überdachte Treppe zu erreichen, auf deren Stufen sich Hunde herum lümmeln. Bitte Schuhe ausziehen! steht auf dem Boden. Was hier schon? Hier wurde lange nicht sauber gemacht. Die Stufen sind doch total verdreckt! denke ich schmunzelnd. Doch auch an die Barrierefreiheit wurde gedacht: von beiden Seiten des Hügels ist jeweils ein Fahrstuhl-Turm errichtet worden. Die Technik sieht alt aus, funktioniert aber einwandfrei. Schuhe müssen ausgezogen werden, bevor man den Fahrstuhl betritt. Oben ist heiliger Boden, der im Gegensatz zu der Treppe blitzblank ist.
In Mawlamyine sind alle Religionen vertreten. Zwischen dem weit verbreiteten Buddhismus und seinen leuchtend goldenen Pagoden steht hier eine mintgrüne Moschee, dort ein bunter Hindu-Tempel und an anderer Stelle eine große Backsteinkirche der Baptisten. Die Stadt wirkt friedlich.

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  1. Inge und Willi

    Hallo Kathi,
    dankeschön für diesen Bericht. Sehr schön geschrieben mit eindrucksvollen Bildern. Macht weiter so , und bleibt gesund. Gute Reise.

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