Windpferd und Fischsauce

unterwegs zwischen Himalaya und Pazifik

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Litang (ལི་ཐང།) – Pilger, Staub und dünne Luft

Wir befinden uns auf dem Höhepunkt unserer Reise. Über fast 5000 Meter hohe Pässe fahren wir im Bus in Richtung Litang. Der Sichuan-Tibet-Highway ist inzwischen größtenteils gut ausgebaut. Zwischen Xinduqiao und Litang jedoch sind zwei große Tunnelprojekte noch nicht vollendet und so genießen wir für wenige Stunden das Gefühl, dass Reisende früher viele Tage erdulden mussten: Auf der alten schmalen Passstraße, teils asphaltiert mit vielen Schlaglöchern, teils Sandpiste, schrauben wir uns in Kurven den Berg hinauf. Abwechselnd links und rechts lauert der hunderte Meter tiefe Abgrund direkt neben der Straße oder bei Gegenverkehr auch nur wenige Zentimeter neben dem Reifen. Die Federung des Busses bekommt die volle Dröhnung. Leichte Menschen heben von den Sitzen ab, große Menschen stoßen an die Decke des Busses. Weit unten schlängelt sich die Straße, die wir bereits bewältigt haben. Tausend Meter über dem Tal erreichen wir den Sattelpunkt des Passes. Wie überall in Tibet sind solche markanten Punkte mit reichlich bunten Gebetsfahnen geschmückt und Kathi geht das Herz auf.

Fotogalerie Litang

Einigen Insassen im Bus scheint es nicht besonders gut zu gehen. Wir vermuten, dass es an der großen Höhendifferenz von etwa zweitausend Metern liegt, die der Bus binnen kurzer Zeit bewältigt hat und sind froh, dass wir uns in Tagong akklimatisiert haben und erst später zugestiegen sind. Ähnlich schaukelnd und stampfend geht es auf der anderen Seite den Pass wieder hinunter. Unten treffen wir auf den zukünftigen Tunnelausgang und den wieder gut ausgebauten Highway. Kurz vor Litang erwartet uns der nächste Pass. Auf dem Weg hinunter haben wir einen schönen Blick auf die Stadt mit 50.000 Einwohnern, die sich in einem weiten Grasland-Hochtal auf etwa 4000 Metern Höhe ausbreitet. Ein Teil der Stadt ist im tibetischen Steinhausstil erbaut, der Rest wirkt gesichtslos modern, jedoch gibt es anders als in Kangding keine Hochhäuer.

Wir beziehen das Peace Guesthouse in der Nähe des Busbahnhofs, das uns in Tagong empfohlen wurde. Das erste Mal seit Chengdu bekommen wir ein mollig warmes Zimmer. Tagsüber scheint die Sonne hinein und die Wärme hält sich sogar über Nacht. Dafür haben wir nur sporadisch Leitungswasser. Wir verkneifen uns den Klogang und opfern teures Trinkwasser aus der Flasche zum Händewaschen.

Auf unserem Erkundungsrundgang durch die Stadt kommen unsere Atemmasken, die wir in Thailand beim 7 Eleven gekauft haben, wieder zum Einsatz. Sämtliche Straßen und Gehwege in der Innenstadt wurden gleichzeitig aufgerissen. Eine Kanalisation wird errichtet und die Fahrzeuge kurven um und über Sandberge neben den offenen Baugruben und Baggern. Riesige Staubwolken werden aufgewirbelt und verteilen sich in der trockenen Luft. Die ganze Stadt liegt unter einer Staubglocke. Jeder Atemzug ist eine Herausforderung, unsere Schleimhäute werden wund.

Der moderne Teil der Stadt ist architektonisch uninteressant, aber es gibt jede Menge tibetisches Leben auf dem Gemüse- und Fleischmarkt, in den vielen Schmuckmanufakturen und auf den Straßen zu bestaunen. Das Warenangebot in Litang ist gut, die Preise jedoch teils wesentlich höher als in den Städten. Auffallend viele tibetische Bettler sind unterwegs, häufig Frauen mit kleinen Kindern, die uns hartnäckig mit rührendem Blick ihre kleinen Hände entgegenstrecken, selbst in den Restaurants.

Eine der Touristenattraktionen in Litang sind sogenannte Himmelsbestattungen, die hier traditionell von Tibetern der umliegenden Städte durchgeführt werden. Sie finden auf den Hügeln um die Stadt herum statt, je nach Status des Verstorbenen in unterschiedlicher Höhe. Die Leichen werden komplett aufgeschnitten und anschließend das Fleisch von als heilig geltenden Geiern verzehrt, die bereits vor Ort auf ihre Mahlzeit warten. Das Skelett wird auf einen Stein gelegt, mit dem Hammer zertümmert, mit Gerstenmehl und Zucker vermischt und dann ebenfalls verspeist. So soll die Seele in eine Art Kreislauf des Lebens gebracht werden, wo sie auf ihre Wiedergeburt wartet. Wir werden mehrfach darauf angesprochen, entschließen uns aber, keine Himmelsbestattung zu besuchen. Es erscheint uns einfach nicht passend, da wir den Verstorbenen nicht kennen, auch wenn das möglicherweise hier anders gesehen wird. Auch haben wir Bedenken, ob wir das Erlebnis der aus westlicher Sicht brutalen Prozedur verarbeiten können.

Stattdessen machen wir einen Spaziergang zur Litang Chode Monastery am Nordende der Stadt. In den 1950er Jahren war Litang ein Zentrum des bewaffneten tibetischen Widerstandes und die Monastery in Litang wurde von der chinesischen Armee bombariert. Wir durchqueren einen Stadtteil mit neuen tibetischen Steinhäusern hinter hohen Steinmauern. Schon in Tagong haben wir überrascht festgestellt, dass die meisten Neubauten im traditionellen Stil errichtet werden, jedoch mit zeitgemäßer Ausstattung wie Leitungswasser. Heizungen allerdings gibt es nicht, im Winter bollert in einem Raum der Ofen, die Schlafräume bleiben kalt. Die Monastery selbst liegt erhöht an einem Berghang und ist Litang-typisch größtenteils eine Baustelle. Monasteries in Tibet sind mehr oder weniger eigenständige Dörfer. Um die religiösen Gebäude gruppieren sich Wohnhäuser, häufig eine Schule, Bibliothek, Speisesaal und Geschäfte. Teilweise betreiben Nonnen auch außerhalb des Klosters Geschäfte und sogar Supermärkte.

Wir besichtigen zwei sehr stimmungsvolle Klostergebäude und bestaunen die farbenfrohen Wandmalereien und einen Mönch, der zahlreiche Wasserschalen befüllt, die vor Buddha-Statuen stehen. Eine Gruppe tibetischer Pilger passiert im Uhrzeigersinn die Statuen sowie Fotos der ehemaligen Dalai Lamas. In der Hand hält jeder einen dicken Bündel kleiner Geldscheine. Jede einzelne Statue wird mit einer kleinen Spende bedacht. Vor dem Gebäude versuchen die Pilger mit großer Hingabe, den Rest des Geldes den Mönchen zu übergeben. Diese lehnen jedoch hartnäckig ab und verweisen auf die offizielle Sammelbüchse. Wir denken zurück an Kangding, wo Mönche aggressiv in der Stadt gebettelt haben.

In einer Bäckerei, die auch kunstvoll dekorierte Torten produziert, kaufen wir leckeres Blätterteiggebäck mit gehackten Nüssen und Schoko-Mandel-Kuchen als Proviant für die Fahrt nach Daocheng. In Litang verlassen wir den Sichuan-Tibet-Highway, der über weitere 1500 km weiter nach Lhasa führt. Gerne hätten wir dort den Potala-Palast besucht, momentan ist die Einreise in die TAR, die autonome Region Tibet, für Ausländer von Sichuan aus jedoch nicht erlaubt. In Richtung Süden, vorbei am Yading Nationalpark geht es für uns deshalb weiter Richtung Yunnan.

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  1. Sarah und Thomas

    Hey ihr zwei, wie kommt ihr denn klar mit der Höhe? Eure Bilder machen richtig Lust auf China und euch wieder zu sehen!
    Liebe Grüße aus Ulan Bator …

  2. Sven

    Hey ihr!
    Wir hätten euch auch gerne hier auf unseren tollen Wanderungen und beim leckeren chinesischen Essen dabei. Wir schnaufen mehr hier oben und lassen es langsam angehen, sind aber nicht höhenkrank geworden, da wir uns ein paar Tage auf halber Höhe akklimatisiert haben.
    Liebe Grüße in die Mongolei, wir sind gespannt auf eure Berichte!!!
    Kathi und Sven

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