Einige Male haben wir in China umsonst auf einen Bus gewartet, ein Bus war voll oder ein Minibus wollte nicht losfahren, weil zu wenige Fahrgäste mitwollten. Zu drei Stunden Fahrt kamen oft noch drei Stunden Wartezeit, ganz abgesehen von dem Stress der Ungewissheit. Heute hingegen klappt alles wie am Schnürchen. Zu einem fairen Preis werden wir mit dem Minivan unseres Guesthouses nach Lijiang gefahren, gemeinsam mit zwei anderen Gästen, und dort sogar vor der Tür unseres vorausgebuchten Hostels, dem October Inn, abgesetzt. Der Nachmittag verläuft entspannt. Wir essen in einem kleinen Restaurant Schwein mit Bitter Gourd sowie Kohl süß-sauer, erkunden die nähere Umgebung und machen die üblichen Besorgungen im Supermarkt. Die Besichtigung der berühmten Altstadt veschieben wir auf den nächsten Tag, der Rest der Stadt wirkt sauber und aufgeräumt.

Abends kocht unser Herbergsvater für seine acht Gäste ebensoviele Gerichte. Schwein mit Paprika und Zucchini, gekochte Tomaten und Zucchini, dicke Glasnudeln mit Möhren und Essig, intensiv gewürzte Auberginen, Tofu mit Paprika, gekochte Pilze, Gurkensalat mit Zucker und eine Riesenschüssel Reis. Es gibt zwar keinen runden Tisch mit Drehplatte, aber das Prizip bleibt dasselbe: Jeder kann alles probieren, alles schmeckt vorzüglich und alle werden pappsatt. Eine buntgemischte Runde sitzt hier zusammen: Ein Pärchen aus Australien auf einer neunmonatigen Weltreise plant einen Besuch in Europa. Eine Frau aus Hong Kong war bereits in Deutschland und Frankreich, am meisten hat sie jedoch Schweden beeindruckt. Ebenfalls nach Schweden möchte eine junge Chinesin reisen, um ein Praktikum in einem Hostel zu machen. Ein junger Mann aus Java hat Angst vor Malaria in China. Eine Französin hat ein Auslandsjahr in Peking hinter sich und einige Worte Chinesisch gelernt, eine zweite Französin riecht nach Knoblauch, da sie unseren Koch zuvor tatkräftig beim Schnippeln und Wok umrühren unterstützt hat. Alle Gäste kommen entweder von der Tiger Leaping Gorge oder wollen am nächsten Tag dorthin. Wir spendieren unsere nicht abgerissenen Eintrittskarten und eine Landkarte, bevor wir müde ins Bett fallen.

Fotostrecke Lijiang

Am nächsten Morgen fahren wir zum Bahnhof, um Zugtickets zu kaufen. Der Bahnhof liegt weit außerhalb der Stadt und wir steigen auf gut Glück aus dem Bus, als dieser zweimal links abbiegt und die meisten Leute aussteigen. Ein großes Gebäude in der Nähe entpuppt sich leider nicht als Bahnhof, sondern ein Verwaltungsgebäude. Auf einem ausgehängten Stadtplan sehen wir, dass wir noch einige Blocks vom Bahnhof entfernt sind. Zwei Busse wollen uns nicht mitnehmen, als wir nach dem Bahnhof fragen und so heißt es, eine halbe Stunde durch die Pampa zu wandern. Endlich am Bahnhof angekommen, sehen wir komischerweise genau die Buslinien, in die wir zuvor versucht haben, einzusteigen. Nicht alles erschließt sich einem dummen Touristen. Immerhin bekommen wir Tickets nach Kunming für den Folgetag, jedoch nur für den ersten Zug am frühen Morgen, ein Bummelzug, der neun Stunden für die Strecke benötigt.

Mit dem Bus fahren wir zurück in die Innenstadt, essen zu Mittag und laufen in die Altstadt. Es gibt einen Obst- und Gemüsemarkt, aber ohne Atmosphäre. Hier kaufen ausschließlich Touristen ein. Als Eintritt für die Altstadt ist theoretisch eine ‚Protection Fee‘ in Höhe von umgerechnet etwa 12 Euro zu entrichten. Wir haben gehört, dass die Tickets nur bei der Besichtigung von Attraktionen kontrolliert werden und geplant, uns diese Ausgabe zu sparen. Jedoch laufen wir nach einigen Metern direkt auf einen Stand zu, der verdächtig nach Kontrolle aussieht. Durch Nebengassen kommen wir unbehelligt weiter. Die Altstadt Lijiangs ist komplett gentrifiziert. Kleine kanalisierte Bäche fließen entlang von Gassen mit Kopfsteinpflaster zwischen kleinen Häusern mit geschwungenen Dächern und roten Laternen. Viele Innenhöfe und kleine Stadtplätze sind begrünt, Azaleen blühen lilapink. Jedes zweite Haus ist ein Hotel, Pension oder Guesthouse, die anderen beinhalten Restaurants oder Souvenirshops. Auf den Straßen verkaufen fliegende Händler Snacks und Süßigkeiten.

Lijiang ist die ‚Hauptstadt‘ der Minderheit der Naxi und so können Touristen gegen einen Obulus Naxi-Trachten anziehen und sich darin fotografieren lassen. In immergleichen Läden werden Naxi-Souvenirs und bunte Tücher verkauft, aber auch tibetischer Schmuck ist in Hülle und Fülle zu überhöhten Preisen erhältlich. Verkäufer trommeln auf Bongos, zupfen die Gitarrensaiten, aus Boxen erklingt Volksmusik. Nur in einigen schmalen Nebengassen lässt sich das alte Lijiang noch erahnen. Der große Rest jedoch ist auf Hochglanz poliert und wirkt in seiner Perfektion und Sauberkeit beinahe steril.

Diesen Abend wird in unserem Hostel nicht gekocht und wir drehen nach einer Pizza mit koreanischem Rindfleisch, Kimchi und frischer Paprika erneut eine Runde durch die Altstadt. Auf dem zentralen Platz wird getanzt, hier jedoch überwiegend chinesische Touristen. Viele alte Häuser sind effektvoll beleuchtet. Laute Musik dröhnt aus den unzähligen Bars. Über den Kanälen wabert Nebel aus Trockeneis. Pro Jahr sollen 5 Millionen Touristen nach Lijiang reisen, es kommt uns vor, als ob alle heute gekommen wären. Die Straßen sind voll. Wir fragen uns, aus welchen Löchern die zehntausende Menschen gekrochen sind, die hier flanieren, futtern, fotografieren, ihre Zeit genießen.

Da wir unser Taxi zum Bahnhof für sieben Uhr früh bestellt haben, laufen wir zeitig zurück ins Hostel, schauen uns die neuen Fotos an und gehen früh schlafen. Lijiang ist sicher ein guter Ort, in einer lustigen Gruppe Spaß zu haben und feuchtfröhlich zu feiern. Die Alststadt wirkte wie ein Disneyland und wenig authentisch, der Rest der Stadt ist grün und sauber, ohne etwas Besonderes darzustellen. Sicherlich hätten wir noch Ausflüge machen können oder Hügel in der Umgebung besteigen, wir sind jedoch froh, dass es morgen weiter nach Kunming geht und wir den Tropen wieder ein Stück näher kommen.