Kangding chinesisch 康定县
Dardo tibetisch དར་རྩེ་མདོ།  

Es wird kühler. Der Temperatursprung von 30 auf ca. 16°C ist deutlich spürbar. Die chinesische Kleinstadt mit nur ca. 100.000 Einwohner liegt auf 2600m und gilt auch für uns als Tor nach Tibet. Na klar, nach fünf Wochen tropischen Temperaturen frieren wir trotz Merinoshirt und Fleecejacke. Aushilfe ist die in dieser Region weit verbreitete Heizdecke, da die Gebäude nicht isoliert sind. Wer hätte das gedacht, wie unsere Omas liegen wir abends eingemummelt unter dicken Wolldecken und schalten die Heizdecke an. Morgens ist das Zimmer so kalt, dass wir kaum das Bett verlassen wollen. Doch der Himmel ist blau und das lockt. Wir wollen auf einen Berg steigen. Eine Wanderkarte gibt es nicht, dafür aber den Tipp: „Alle Wege führen nach oben“.

Gleich hinter unserer Unterkunft, dem kleinen tibetischen Yongzhu Hotel, geht es steil bergauf. Die Stadt hat jeden Quadratmeter im Tal ausgenutzt. Vorbei an kleinen Holzhäusern der Einheimischen endet plötzlich die schmale Betonstraße. Es gibt mehrere Pfade und wir schauen nach oben: da, schau mal die bunten Gebetsfahnen, da müssen wir hin! Der Weg führt an vereinzelten Grabstätten mit blühenden Pflanzen vorbei. Windpferde flattern hier zahlreich im Wind. Weiter oben wird es grüner: wir erreichen einen Wald aus duftenden Kiefern und Birken. Auch hier sind kreuz und quer die farbenfrohen Gebetsfahnen zwischen den Bäumen gespannt. Wir befinden uns also auf dem richtigen Weg. Nach einer ganzen Weile verändert sich die Vegetation: Bäume werden kleiner, Sträucher nehmen zu. Die Stadt liegt weit unter uns brummend im Tal und schlängelt sich rechts und links um die Berge.

Nach nur wenigen weiteren Höhenmetern wird es windig und still. Wir sind nicht auf einem Gipfel, sondern auf einer Art Plateau, das wir von unten nicht erkennen konnten. Vor uns liegen weite, sattgrüne Grasslands und es geht noch weiter! Wir schauen nach oben: Wahnsinn, dichte hellgraue Wolken wabern um die Bergspitzen herum. Wir sind den Wolken so nah. Ob es bald regnen wird, fragen wir uns. Von unserer Neugierde getrieben schlendern wir Richtung Waldrand, um den Pferden beim Grasen zu zusehen. Vorsichtig nähert sich Sven den Tieren, da nicht zu erkennen ist, ob sie angebunden sind. Plötzlich wiehern sie aufgebracht und ein Donnergrollen ist zu hören. Ist es wegen uns oder des Donners? Wir, bei Gewitter auf einer Wiesenfläche. Nichts wie weg. So stiefeln wir hastig bergab und bekommen aber nur ein paar harmlose Regentropfen ab. Das Gewitter hat sich wieder verzogen.

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Unten angekommen werden wir wieder mehrmals mit „Tashi delek“ begrüßt, was eigentlich soviel wie „Alles Gute“ bedeutet. In Tibet werden jedoch Ausländer damit freudig empfangen. Kangding, oder auch Dardo genannt, gehört zum autonomen tibetischen Bezirk Garzê in der chinesischen Provinz Sichuan. Beide Einflüsse sind sichtbar: darf es Buttertee mit Momos oder lieber Jasmintee zu einer Nudelsuppe sein? Die Stadt ist zwar touristisch, aber als Zwischenstopp und zur Akklimatisierung gut geeignet.

UND endlich haben wir saubere Luft zum Atmen. Wir schlendern nicht mehr durch kleine Parks in chinesischen Megacities, sondern steigen schnaufend auf die Berge, um schneebedeckte Gipfel in der Ferne zwischen den Wolken zu erhaschen und Pferde auf den Grasslands beim Grasen zu beobachten. Endlich sehen wir zum ersten Mal tibetische Gebetsfahnen im Wind flattern. In einem der vielen kleinen Läden schlürfen wir tibetischen Buttertee und wundern uns über den hohen Preis. Wie der schmeckt? Leicht salzig und hat auch ein paar Fettaugen, ist aber wässrig und somit trinkbar. Der Tee besteht aus einem dünnen Schwarztee gemischt mit Yak-Butter und Salz. Er gibt zwar Energie, eine Tasse reicht aber dann doch. Nach einer Woche China ist es zugegebenermaßen nicht immer leicht mit unserem schmalen Wortschatz die kulinarischen Schätze der chinesischen Küche zu entdecken. Unsere Aussprache wird meist nicht verstanden. Englische Speisekarten sind rar. Viele Chinesen helfen uns aber, sofern sie können. So sind neben mit Yak und Kartoffeln gefüllte Momos, ähnlich den Ravioli-Nudeln, Reis mit grüner Paprika und Schweinestreifen auf unseren Tellern gelandet. Verhungert sind wir bislang also noch nicht.

Nachdem wir in Kangding ein paar Tage tibetische Luft schnuppern konnten, freuen wir uns auf mehr. Weiter geht es für uns auf den Sichuan-Tibet-Highway, die wir nun weiter bis Litang einschlagen werden.