Nach der Großstadt Kunming ist Jianshui auf den ersten Blick eine Wohltat. Nach kurzen 200 km gen Süden und dreieinhalb Stunden Fahrt werden wir am kleinen Busbahnhof der Stadt von Songtheaw ähnlichen Fahrzeugen in Empfang genommen. Die Fahrer sitzen entspannt auf ihrem Wagen in der Nachmittagssonne und bieten uns ihre Dienste an. Wie so oft gehen wir mit einem „bu schischié“ (nein danke) an ihnen vorbei, um uns Raum und Luft zu verschaffen. Wir haben Glück, auf der anderen Straßenseite hält gerade ein Stadtbus, der Richtung Altstadt fährt. So einfach kann es manchmal gehen. Wir fahren vorbei an alten, zum Teil heruntergekommenen kleinen Holzhäusern, deren Farbe an der Fassade schon lange verblasst ist. Die autofreie Altstadt von Jianshui mit ihren verwinkelten Gassen wirkt auf den ersten Blick gemütlich und ist noch nicht ganz so auf Hochglanz poliert wie Lijiang und Shangri-La. Touristen sehen wir kaum. Doch der Schein trügt, denn es ist mitten in der Woche.

Auf den zweiten Blick fällt auf: China macht in der für chinesische Verhältnisse kleinen Stadt von rund 500.000 Einwohnern mächtig Dampf. Während an einem Holztor zur Altstadt gerade fleißig geschnitzt wird, werden an anderer Stelle zum Teil baufällige Gebäude abgerissen und neu aufgebaut. Bereits zur Tang-Dynastie war Jianshui ein wichtiger Knotenpunkt auf der südlichen Seidenstraße. Heute besteht die Altstadt hauptsächlich aus einer Einkaufsstraße, in der sich Boutiquen und Mobiltelefonshops abwechseln. Die reich bemalten Fassaden ähneln sich. Der alte historische Charme verschwindet zunehmend. Auch wenn viele der kleinen Seitengassen ebenfalls Textilien, Schmuck & Co anbieten, gibt es sie noch vereinzelt: Gassen mit kleinen Restaurants, wo Chinesen zusammenkommen und gemeinsam schlemmen – und das direkt unter unserem Balkon. Wir entdecken einige neue Köstlichkeiten in der Stadt, wie z.B. gegrillten Tofu, der uns mit seinem rauchigen Aroma jedoch etwas zu trocken ist.

Am Wochenende füllt sich die Altstadt mit chinesischen Touristen, die auch wegen der Tempel, darunter einer der größten Konfizius-Tempel in China, in die Stadt kommen. Während es sich chinesische Familien mit Kind und Kegel nach einem Stadtbummel oder Tempelbesuch reichhaltig schmecken lassen, zieht eine Horde Jugendlicher schnatternd an uns vorbei. Jedoch nicht ohne uns alle nacheinander mit „hello, how are you, hello, hello“ zu begrüßen. Höflich erwidern wir „ni hao“ und entlocken zuerst ein schüchternes Kichern, dann ein breites Grinsen.

Fotostrecke Jianshui

Wir machen einen Ausflug zu den nahe gelegenen Schwalbenhöhlen (eng. swallow cave). Es ist eine der Touristenattraktionen von Yunnan. Busse fahren stündlich ab. Nach etwa 45 Minuten Fahrt blättern die chinesischen Touristen und wir am Eingang jeweils 80 RMB (leider gibt es keinen Studententarif für Ausländer) hin. Die Höhlen liegen versteckt in einer hügeligen Landschaft. Der Spaziergang dorthin führt durch üppig angelegtes Grün. Plötzlich zwitschert es ununterbrochen. Am Himmel sind viele kleine schwarze Punkte zu erkennen. An der Höhle angekommen sehen wir staunend zahllose Schwalben unermüdlich in die Höhle hinein- bzw. hinaussausen. Wer mag, kann sich weiter in die Höhle wagen und sollte dabei die Kopfbedeckung nicht vergessen! Viele Vögel, viel Düngemittel…

Schwalbennester gelten vor allem in Thailand und China als Delikatesse. Die Höhlen von Jianshui sind ein Ort, wo sie in schwindelnd erregender Höhe von z. T. 20 Metern freikletternd (!) entnommen wurden. Heutzutage gibt es eigene Zuchthäuser, die leicht zu entdecken sind: aus einem kargen, einfachen Gebäude mit winzigen Fenstern zwitschert es lauthals nach draußen. Auf schmalen Pfaden geht es tiefer in die Höhlen hinein. Bunte Lichtinstallationen erleuchten den Weg und setzen zur Freude der Chinesen besondere Formationen in Szene. Sogar Tee und Nudelsuppe sind in der Höhle zu erwerben. Am Ende tuckert ein Drachenboot die gesamte Mannschaft wieder zum Eingang zurück. Chinesischer Tourismus …

Fotostrecke Schwalbenhöhlen