Von Litang aus wollen wir nach Süden in Richtung Yunnan weiterreisen und den Sichuan-Tibet-Highway verlassen. Ganz so einfach gestaltet sich dieses Vorhaben jedoch nicht. Die Busse in Richtung Süden starten bis auf den letzten Platz besetzt bereits in Kangding. Es ist Glückssache, wie viele Leute in Litang aussteigen. Wir treffen einen netten alleinreisenden Japaner, der ebenso wie wir nach Daocheng, der nächsten Stadt in Richtung Süden fahren möchte. Leider werden nur zwei Plätze im Bus frei und wir lassen ihm den Vortritt. Als Alternative zu den Bussen stehen Minivans bereit. Diese sind etwas teurer und fahren erst ab, wenn alle Plätze besetzt sind, was auch mal einige Zeit dauern kann. Wir haben Glück und eine Viertelstunde später sind wir bereits unterwegs und überholen auf der gut ausgebauten Straße bald den großen Bus.

Fotostrecke Daocheng

Kurz darauf erreichen wir einen anderen Van, der am Straßenrand hält. “Ein Unfall?”, we wonder. Wir halten an und unser Fahrer stürmt hinaus. Überschwenglich begrüßen sich die beiden Fahrer und machen sich auf den Weg auf die Wiese nebenan. Dort sitzen bereits weitere Männer, schnacken und lassen sich Zigaretten und Tee schmecken. Zwanzig Minuten später geht die Fahrt weiter und wir durchqueren ein wunderschönes ehemaliges Gletschertal, übersäht mit Findlingen. Kleinere Seen schimmern blau in der Sonne. Abseits der Straße ist weder Vegetation noch Zivilisation zu erkennen. In uns breitet sich eine Ruhe aus und wir wünschten, wir könnten aussteigen und hier länger verweilen.

In Daocheng hat uns die Zivilisation wieder. Die Stadt auf 3750 Höhenmetern wirkt modern und aufgeräumt, die Innenstadt ist in einem rechtwinkligen Raster angelegt, was uns die Orientierung erleichtert. Wir finden ein akzeptables Zimmer in einer Jugendherberge und erkunden die Stadt. Eine große Anzahl von tibetischen Souvenirläden bringt Gebetsketten, Armbänder und weiteren Schmuck an den Mann. In einer nachgebauten traditionellen Altstadtgasse treffen wir unseren japanischen Bekannten aus Litang wieder und gehen gemeinsam essen. Während er sich an Tofu labt, schlemmen wir Schwein mit grünem Paprika und Kohl süß-sauer.

Am nächsten Tag leihen wir uns Mountain Bikes und machen uns auf den Weg. Die Sonne brennt mit aller Kraft vom Himmel, wir behalten aber lieber unsere lange Kleidung an, da auf dieser Höhe sofortiger Sonnenbrand droht. Von hinten hören wir eine Melodie, wie sie in Asien häufig von Eiswagen, Bäckern oder Nudelsuppenverkäufern gespielt wird. Wir sind gespannt, was gleich vorbeifahren wird, als uns ein Schwall kaltes Wasser durchnässt. Eine willkommene Abkühlung, ja, aber unsere Kleiung ist nicht nur nass, vom Strumpf bis zur Jacke ist alles voller Sand. Ein Spritzwagen, der die Straßen von Staub befreit, fährt vorbei. Der Fahrer schaut uns, zwei besudelte Ausländer mit komischem Hut, an und lacht sich halb tot. Wir wissen nicht, ob wir ebenfalls lachen oder böse sein sollen, entscheiden uns aber dann fürs Lachen und versuchen, uns von Sand und Staub zu befreien.

Am Stadtrand steht eineWhite Towergenante Pagoda vor einer Kulisse kahler Hügel und Berge. Wir reihen uns ein und laufen zwischen tibetischen Pilgern mit Gebetsketten im Uhrzeigersinn um das quadratische Bauwerk mit über einhundert Türmchen und Buddha-Statuen. Dabei drehen wir die Gebetsmühlen. Anschließend fahren wir entlang eines teils ausgetrockneten Flussbettes, bis wir vor einer Flussschlinge mit tiefem Wasser kapitulieren und umkehren. Wieder in der Stadt müssen wir stoppen. Eine dicke Sau überquert mit ihren sechs winzigen Ferkeln die Straße, stoppt, schnüffelt, trottet weiter und verschwindet im Straßengraben. Die kleinen purzeln hinterher. Plötzlich hören wir Kindergeschnatter und Lachen. Es ist Schulschluss und ein Haufen Rotzlöffel quillt aus der Schulpforte auf die Straße. Tibetische Kinder laufen in Mehrzahl Richtung Stadtrand, während in Richtung Innenstadt überwiegend Han-chinesische Kinder unterwegs sind.

Kurz vor Sonnenuntergang fahren wir erneut zur Pagoda und besteigen einen der umliegenden Hügel. Aufgestapelte Steinhaufen säumen wie überall in Tibet den Weg. Wir entdecken vereinzelte Wildblumen, die es trotz der hier herrschenden Trockenheit zur Blüte gebracht haben. Von oben überblicken wir die ganze Stadt und das Flusstal, das teilweise neu bewaldet wurde. Unten an der Pagoda ist Hochbetrieb, zahlreiche Pilger aus der Stadt haben sich zum abendlichen Rundgang eingefunden. Wir verweilen auf dem Gipfel, über uns nur der Himmel, und beobachten das bunte Treiben. Es wird dunkel und wir fahren zurück in die Innenstadt. Auf dem zentralen Platz wird zu tibetischer Musik getanzt und verweilt. Eine schneebedeckte Felsattrappe erinnert uns an unser nächstes Ziel, den Yading-Nationalpark. Dort wollen wir Wälder, Gletscher und Wasserfälle bestaunen und eine hochalpine Wanderung machen.