Mit dem Bullet-Train fahren wir von Chongqing nach Chengdu. Die Fahrkarten haben wir erst wenige Stunden vor Abfahrt gekauft und leider keinen Sitzplatz mehr bekommen. Bahnhöfe in China funktionieren ähnlich wie Flughäfen im Rest der Welt. Nur dass man beim Boarding vom Gate nicht ins Flugzeug, sondern auf den Bahnsteig geht. Wir stehen vorne in der Schlange, sind mit als erste im Zug und haben Glück. Wir können Plastikhocker am Wagenende als Sitz benutzen und müssen nicht stehen. Fahrgefühl und -geschwindigkeit entsprechen in etwa dem ICE in Deutschland, für die zwei Stunden Fahrt zahlen wir umgerechnet aber nur etwa 15 Euro pro Person.

Fotostrecke Chengdu

Wieder haben wir ein Zimmer in einer Jugendherberge online vorreserviert und wieder sind die ausgeschriebenen Zimmerpreise vor Ort etwa doppelt so hoch. Ob man da noch verhandeln könnte wissen wir nicht, denken aber, dass wir mit den Online-Buchungen nicht schlecht fahren. Wir geben so für ein Doppelzimmer mit Bad in China zwischen 15 und 20 Euro aus, mehr als in Thailand, aber noch im Rahmen unseres Budgets. Dieses Mal haben wir ein recht helles, modernes Zimmer, aber außer dem frisch bezogenen Bett ist alles so schmutzig, dass wir sofort wieder schwarze Füße bekommen, sobald wir aus der Dusche steigen.

Abends machen wir einen Spaziergang in einer schönen Parkanlage entlang eines Kanals und sehen die ersten Läufer in China. Wir nehmen uns vor, hier bei Gelegenheit auch eine Runde zu drehen, allerdings bleibt es beim guten Vorsatz. Auf Chengdus Straßen sind viele Fahrräder unterwegs, auf den Hauptstraßen gibt es durch Gummifähnchen abgetrennte Fahrradspuren. Aber nicht nur herkömmliche Fahrräder treffen wir an, auch E-Bikes sind in großer Anzahl und in hoher Geschwindkeit unterwegs, sowohl Fahrräder mit Elektromotor als auch elektrische Scooter. Einige Male wollen wir die Strasse überqueren und springen im letzten Moment zurück, weil wir eines der lautlos heranbrausenden Gefährte übersehen haben. Anfangs von der Regierung gefördert, werden inzwischen in vielen Städten größere E-Scooter verboten oder zumindest Geschwindigkeitsbeschränkungen eingeführt.

Unsere Mägen knurren inzwischen lautstark und wir besuchen ein kleines Restaurant mit Tischen am Straßenrand. Die Bestellung gestaltet sich schwierig. Wir haben die WorteGemüseundHuhnin chinesischer Schrift ausgedruckt, zeigen darauf und bangen, was wir wohl serviert bekommen werden. Die Sorge ist umsonst. Es gibt keine Hühnerfüße, -hals oder -innereien. Wir lassen uns Kung Pao Chicken, “normalesHühnerfleisch mit Gurke, Chilli und Erdnüssen sowie Blattgemüse und Reis schmecken.

Am nächsten Morgen werden wir durch eine piepsende Geräuschkulisse geweckt und fühlen uns wie beim Lidl an der Kasse. Ein verschlafener Blick aus dem Fenster erfasst Berge von Paketen und Päckchen auf dem Hof, die gerade eingescannt werden. Im Nebenhaus ist eine Postfiliale und der gemeinsame Hof ist das Paketlager. Die Empfänger kommen über den Tag verteilt vorbei und suchen sich ihre Pakete aus dem Haufen heraus. Pakete, die für jemand anders sind, werden wieder weggefeuert, Paketstapel mit dem Fuß umgekickt, bald ist der Hof ein einziger wilder Pakethaufen.

Wir machen einen langen Spaziergang zur stimmungsvollen buddhistischen Wenshu-Tempelanlage. Gläubige entzünden Räucherstäbchen und verbeugen sich in alle Himmelsrichtungen. Andere berühren eine Steinschildkröte und dann ihren eigenen Körper. Schildkröten sind im Buddhismus ein Symbol für Unsterblichkeit. Im vegetarischen Restaurant nebenan probieren wir Sichuan-Spezialitäten. Ein Bambusgericht mit Süßkartoffeln geht in Ordnung. Den schleimigen Tofu mit Sichuan-Pfeffer in öliger Sauce bekommen wir jedoch nicht herunter. Gleich hinter dem Tempel schlendern wir durch ein Ausgehviertel mit nachgebauten traditionellen chinesischen Häusern und vielen Bars, Cafés und Restaurants. Ähnliche Viertel gibt es in fast jeder chinesischen Stadt.

Mit der U-Bahn, die der in Chongqing ähnelt, fahren wir zum Tianfu Square, einem gigantischen Platz im Zetrum Chengdus. Eine riesige Mao-Statue wacht über das Luxus-Shoppingcenter, das in der Platzmitte in den Boden eingelassen ist. Nicht weit entfernt befindet sich der Peoples Park, mit grünen Hügeln, einem Teich und mehreren Teehäusern. Wir suchen uns das schönste am Teich aus und schlürfen leckeren Jasmintee aus Sichuan, der kostenlos nachgeschenkt wird. Plötzlich bricht eine allgemeine Aufregung aus. Die Kellner und viele Gäste stürmen zum Teich und ein lautes Palaver ist zu vernehmen. Wir wundern uns, was passiert sein könnte, bis wir sehen dass ein Angler im Parkteich ein Prachtexemplar von Fisch gefangen hat. Er wird umringt und gefeiert. Kurz vor Sonnenuntergang erklingt aus allen Ecken des Parks Musik. Traditionelle chinesische Klänge überlagern sich mit Eurodance der 90er Jahre. Gruppen von Frauen und einigen wenigen Männern bewegen sich dazu in einer Mischung aus Tanz und Gymnastik.

Am unserem letzten Tag in Chengdu wollen wir die drolligen Pandabären besuchen. Außerhalb der Stadt befindet sich ein Reservat mit Aufzuchtstation, wo auch Forschung betrieben wird. Hier soll wieder eine stabile Population etabliert werden und dann die Auswilderung starten. Leider sind die meisten ehemaligen Lebensräume der Pandas zerstört beziehungsweise nicht mehr zusammenhängend und damit zu klein. Wir haben Pech. Bei schwülen 34 Grad sitzen die Pandas, die sich im kühlen Hochland Sichuans wohlfühlen, in klimatisierten Käfigen, die eher trostlos wirken und Zoo-Atmosphäre versprühen. Die Außenanlagen sind komplett leer.

Wir setzen uns auf eine Bank, atmen noch einmal bewusst die feuchtwarme Luft ein und betrachten die subtropische Vegetation. Schon morgen werden wir mit dem Bus in den Himalaya fahren, nach Kham, den tibetischen Teil Sichuans, und uns die kalten Finger an heißem Buttertee wärmen, während bunte Gebetsfahnen im Wind flattern.