Das Land des Lächeln entlässt uns, das Reich der Mitte erwartet uns. Nach einem Monat brütender April- und Maihitze, leckeren Essens und einfacher Verständigung in Thailand wird jetzt alles anders. Von Bangkok aus fliegen wir mit Air Asia in drei Stunden nach Chongqing im Westen Chinas. In manchen Statistiken wird die Stadt mit 29 Millionen Einwohnern als die größte Stadt der Welt gelistet. Damit ist allerdings die gesamte Verwaltungseinheit gemeint, die etwa so groß ist wie Österreich. Wie viele Einwohner davon in der eigentlichen Stadt leben, kommt darauf an, wie man Stadt definiert, es sind auf jeden Fall viele Millionen.

Fotostrecke Chongqing

Wir verlassen das Flughafengebäude und laufen zum zweiten Terminal, um mit dem Monorail, einer Art oberirdischen U-Bahn, in die Stadt zu fahren. Welch ein Unterschied zu Bangkok: Die Temperatur liegt bei angenehmen 25 Grad und erstmals schleppen wir unser Gepäck, ohne einen Tropfen Schweiß zu vergießen. Ticketkauf und Orientierung fallen uns, ohne ein Wort chinesisch zu verstehen, leicht. Die Stationen einer Linie sind fortlaufend nummeriert. Sowohl Stationsname als auch Umsteigemöglichkeiten sind überall auch auf englisch angegeben und werden unterwegs englisch durchgesagt. Auf dem Display des Fahrkartenautomates erscheint der Netzplan und nach Touch auf die Zielstation der Ticketpreis, einfacher geht es wirklich nicht.

Die Hochbahn durchquert eine Wohnsiedlung nach der anderen, die aus jeweils identischen, etwa 35stöckigen Hochhäusern bestehen. Dafür ist das Gelände umso zerklüfteter. Steile felsige Hügel und tiefe Einschnitte wechseln sich ab. Die Hänge sind teils aufwendig begrünt und auch die Straßen sehen von oben aus wie ein Dschungel. Einige der Siedlungen sind noch im Entstehen, Chongqing ist eine der am schnellsten wachsenden Städte Chinas. Im Zentrum Chongqings steigen wir aus. Die Jugendherberge, in der wir ein Zimmer vorgebucht haben, ist ganz in der Nähe und wir finden sie problemlos. Als Orientierung dient uns eine Brücke über den Jangtze. Wir wohnen in einem über 300 Jahre alten, traditionellen Gebäude mit Innenhof am Rand eines Trümmerfeldes. Rings herum wurden bis auf eine Tempelanlage alle alten Häuser abgerissen.

In der Nähe finden wir einen großen Carrefour-Supermarkt und stöbern durch das Angebot. Die Auswahl ist gut und fast mit Thailand zu vergleichen – vom lebenden Fisch bis zur Gewürz- und Reistheke. Leider sind die Preise für Obst über doppelt so hoch wie in Thailand, dafür sind Getränke, vor allem alkoholische, günstiger. Milch und Joghurt gibt es in überraschend großer Auswahl, ebenso finden wir Bio-Haferflocken für unser Zimmerfrühstück.

Es macht uns Spaß, die Stadt zu erkunden. Das Zentrum Chongqings liegt auf einer Halbinsel, die vom Jialing-Fluss gebildet wird, der in den Jangtze-Fluss mündet. Beide Flüsse haben sich tief ins Gelände gefressen. Viele Träger begegnen uns, die mühsam Waren wie Obst und Gemüse oder Papier von den Bootsanlegern die steilen Hänge hinaufschleppen. Über der Schulter tragen sie eine Bambusstange, an deren Enden die Körbe oder Kisten gebunden sind, ein Knochenjob. Von oben ist die Aussicht atemberaubend, endet aber meistens im Nebel, der hier an über einhundert Tagen im Jahr in der Luft liegt. Die restlichen Tage trübt der Smog die Luft und lässt kaum einen Sonnenstrahl hindurch, wodurch eine düstere Atmosphäre entsteht. Chongquing ist eine der am stärksten luftverschmutzten Städte der Welt.

Mit der U-Bahn fahren wir in den schicken, modernen Teil der Innenstadt. Hier könnte man fast vergessen, das man sich in China befindet. Shopping-Center und Luxusboutiquen in Glas- und Stahlpalästen sehen überall gleich aus. In der Stadt gibt es außer Tempelanlagen kaum noch alte Häuser, ein Ausgehviertel hoch oben am Flussufer ist allerdings historisierend nachgebaut. Wir geraten in eine Promotion und bekommen gratis leckeren Café Latte ausgeschenkt, sonst zum Leidwesen von Sven in China ein teures Vergnügen. Gut gelaunt bummeln wir zum Chongqing Guotai Arts Center, das uns mit seiner architektonisch ausgefallenen, roten und schwarzen Balkenkonstruktion beeindruckt.

Unserer Tradition aus Bangkok folgend, suchen wir auf dem Stadtplan von Chongqing einen größeren Park, um dem Grau der Stadt zu entfliehen. Auf dem Grat der zentralen Halbinsel finden wir den Eling Park und machen uns auf den Weg. Uns erwartet ein schön angelegter Park mit Fischteichen und Teehäusern, in denen Gruppen von Männern und Frauen sitzen und Brettspiele spielen. Schüler üben sich im Zeichnen, eine Tanzgruppe bewegt sich elegant zu traditioneller Musik und Angler versuchen ihr Glück. Wieder einmal sind wir geflasht von der Aussicht auf den Fluss und das endlose Hochhausmeer tief unter uns, bevor wir einen steilen Parkweg den begrünten Abhang zum Fluss hinunterkraxeln.

Abends sind die Straßen voll mit kleinen Obstständen und Garküchen. Zur Auswahl stehen Hotpot, eine Art Fondue mit scharfer Brühe, Barbecue (Fleisch und Gemüse am Spieß) und Nudelsuppe. In Sichuan und Chongqing werden die meisten Gerichte mit reichlich Sichuan-Pfeffer gewürzt, der nicht nur scharf ist, sondern auch Zunge und Lippen betäubt. Zum Chinastart wählen wir erstmal eine milde Nudelsuppe, eine nette junge Frau, die gut englisch spricht, hilft uns beim Bestellen. Wir werden nicht enttäuscht, lecker!

Auf dem Rückweg orientieren wir uns wie gehabt an der Brücke, aber alles bis auf die Brücke sieht im Dunkeln völlig anders aus. Wir irren hin- und her, rauf und runter und fangen an zu schwitzen. Keine Spur von unserer Herberge, nichts erscheint uns vertraut. Ein scheuer Blick zur Seite in Richtung der Hauseingänge – wo könnten wir zur Not die Nacht verbringen? Die Erlösung kommt in Form eines U-Bahnhofes, der irgendwann am Horizont auftaucht. Auf der ausgehängten Umgebungskarte können wir uns orientieren und sehen – es gibt zwei gegenüber liegende Brücken von der Spitze der Halbinsel, eine über den Jangtze, eine über den Jialing, wir sind die ganze Zeit um die falsche herumgeirrt. Mit dieser neuen Erkenntnis finden wir rasch nach Hause und fallen mit vielen neuen Eindrücken im Kopf in einen tiefen Schlaf.