Weihnachten steht bevor und wir treffen pünktlich zu Beginn der Adventszeit in der philippinischen Hauptstadt Manila ein. Bereits am Flughafen empfängt uns ein goldener Engel vor einem geschmückten Tannenbaum. Die Schritte des kleinen malaysischen Mädchens vor uns verlangsamen sich. Schau mal, Mama! Prompt zückt die Mutter das Smartphone und macht ein Foto von Kind und Engel. Szenen, wie wir sie nur allzu gut aus der ganzen Welt kennen. Draußen schwallt uns feuchtwarme, stickige, nach Abgasen stinkende Luft entgegen. Wir sind wieder im Smog. Welcome back! Kurze Zeit später wissen wir warum: dicht an dicht verstopfen schwarz rußende Jeepneys, das Hauptverkehrsmittel in Manila, dicke Autos (SUV) und Busse die Wege durch die Stadt. Im Vergleich zu anderen südostasiatischen Ländern sind wenig Roller in dem Getümmel unterwegs. Dafür kämpft sich ein vereinzelter Radfahrer mit vermummten Gesicht geschwind an dem brummenden Verkehr vorbei. Respekt! An uns vorbei ziehen Baustellen und schicke Neubauten für Luxuswohnungen mit Pool direkt am Airport. Manila, ein Moloch? Was verbirgt sich hinter der Beschreibung? Wir sind neugierig.

Auf den ersten Blick ist die Stadt vor allem eines: bunt, oder besser gesagt vielseitig, von schwarz bis weiß ist alles dabei. Manila ist keine gewachsene Stadt, sondern ist ein Konglomerat aus mehreren Einzelstädten. Mit ihren ca. 11 Mio. Einwohnern zählt sie zu den größten der Welt. Dementsprechend unterschiedlich sind die Stadtviertel. Ein Zentrum gibt es nicht. Während auf der einen Seite kleine Teile gibt mit Hochhäusern, teuren Wohnungen und Einkaufszentren, wohnen etwa die Hälfte der Menschen in Slums. Manila kam als Stadt historisch gesehen kaum zur Ruhe und wurde vor allem durch die spanische Kolonialzeit und die spätere amerikanische Besetzung beeinflusst. Letztendlich sind die Liebe zum Christentum und zum Fastfood auf den ersten Metern deutlich erkennbar.

Manila

Viele Menschen gehen mit einem Lächeln durch die Straßen, singen lauthals voller Leidenschaft zu den Oldies aus dem Radio oder peppen liebevoll ihre Jeepneys mit wilden Verzierungen und bunt blinkenden Lampen auf. „In God we trust“ oder „God is love“ ist ein häufiger Aufkleber auf den Gefährten. Der christlich-katholische Glaube ist allgegenwärtig. Auch in unserer Unterkunft hängt ein Maria-Bild über dem Bett und auf der gegenüberliegenden Wand ein kleines schlichtes Kreuz.

Doch es gibt auch die andere Seite Manilas, die kaum zu übersehen ist. An fast jeder Ecke sitzt jemand – mal zusammengekauert auf dem nackten Betonboden des Gehweges, mal mit offener Hand, meist mit einem traurigen oder fordernden Blick, der Bände spricht. Was tun? Manila ist anders als andere Großstädte Südostasiens. Sie ist voller Obdachlose und das jeden Alters. Obdachlose gibt es überall, mag der eine denken. Doch so viele und dann so viele Kinder? Die Straße wird zum Spielplatz, Schlafplatz, Wohnort – oder ist schlichtweg ein Ort zum Überleben. Szenen wie diese sehen wir zuhauf. Eine junge Frau steht mit offener Bluse vor unserer Unterkunft auf der Straße und stillt ihr Neugeborenes. Ein älterer, westlicher Mann kommt auf sie zu. Nachhaltig schaut sie ihm in die Augen. Er geht vorbei. Zwei kleine Jungen mit verdrecktem Gesicht kommen energisch mit ausgestreckten Händen auf uns zugerannt und rufen „coin, coin mam“. Nein, sage ich traurig. Doch mein Vorsatz Kindern beim Betteln nicht zu unterstützen kommt in dieser Stadt kräftig ins Wanken. Wie gehen die Einheimischen damit um? Sie reagieren nicht und gehen ohne Hinzuschauen vorbei. Stattdessen wundern sie sich als ich einem alten Mann vor einem Café eine Münze schenke. Wo ist die christliche Nächstenliebe?
Der Staat hingegen hat sich auf die Agenda geschrieben, immer kurz vor wichtigen Ereignissen seine Straßen zu „säubern“, wie zum Beispiel zum Besuch des Papstes, des amerikanischen Präsidenten oder erst jüngst Mitte November zur Asia-Pacific Economic Cooperation (APEC). Obdachlose werden gegen ihren Willen in Anstalten verfrachtet und müssen unter schlechten Bedingungen dort zeitweilig leben. Auch die Straßenkinder sollen nach Aussage von Journalisten in diesen Zeiträumen nicht auf der Straße zu finden sein. Es sei zu ihrem Guten. Doch es gibt auch Proteste, lesen wir in den Zeitungen. Auf den Straßen ist davon heute nichts mehr zu spüren. Während es zahlreiche Berichte gibt, dass Kinder im Rausch von Klebstoff sich ihren Alltag auf der Straße erträglicher gestalten, finden sich jetzt zur Adventszeit sowohl Filipinos als auch Touristen im Konsumrausch der Shoppingcenter wieder. Und dann das: die Menschen haben hier offenbar Angst vor Terror, oder ist es die Regierung, die Angst schürt? Vor fast jedem noch so kleinen Laden steht ein Wachmann mit einem großem Gewehr. Es herrschen Sicherheitszustände fast wie am Flughafen: Jede Tasche wird vor Eintritt in die U-Bahn oder ins Kaufhaus durchsucht, jedoch nur grob fahrlässig mit einem einzigen Blick. Paris lässt grüßen, denken wir traurig. Bei all dem Trubel gibt es auch kleine Momente der Ruhe, wenn ein kleines Mädchen plötzlich vor den funkelnden Lichterketten des Tannenbaums im Center stehen bleibt und nichts weiter macht, außer zu beobachten und zu staunen. Wird es auch noch am Weihnachtsfest staunen, oder hat es sich all die vielen Lichter bereits gewöhnt? Sollte nicht erst eine Kerze angezündet werden?


Voller Gedanken schlendern wir, wie die Einheimischen, entlang der Uferpromenade und schauen verträumt Richtung Sonne, wie sie über dem ölig glänzenden Meer langsam untergeht. Wir haben noch keine Kerze angezündet. Unsere ist im Rucksack, die uns als Notlicht bei so einigen Stromausfällen schon gute Dienste geleistet hat.

Back to the roots, also besinnen anstatt konsumieren, könnte ein neuer bzw. alter Vorsatz für die Adventszeit sein, der sowohl auf den Straße Manilas als auch in der restlichen Welt nicht leicht umzusetzen ist.